Ankunft Mongolei – Teil IMon

Hallo oder ‚Senno‚ wie man es auf Mongolisch sagen würde.

Noch immer sind der Schweizer, der Mecklenburger und der Berliner gemeinsam unterwegs, mittlerweile gut einen Monat. Heute ist der 21.09.2012, ich sitze im Wohnzimmer eines kleines Holzhauses, das einem Holländer und seiner mongolischen Ehefrau gehört, inmitten von Ulan Batar und wenn ich auf die vergangenen drei Wochen zurückschaue, fällt es mir schwer zeitlich den Überblick zu wahren.

Viel Neues hat sich zugetragen. Die Mongolei ist eine Klasse für sich und mit Russland nicht vergleichbar. Rund 2,8 Millionen Menschen leben hier. Ich schätze, bei dem was ich gesehen habe, dass man auf den gemeinen Mongolen gut 0,5 Pferd; 2 Ziegen; 3 Rinder und schließlich 4 Schafe rechnen kann. Das Vieh läuft über das Weideland und irgendwo steht dann auch die weiße Jurte oder Girr, wie die Mongolen dazu sagen.

Bis zur ersten Jurte bzw. Girr war es von Ulan Ude, in Russland, aber noch ein gutes Stück zu fahren. Aufgebrochen sind wir am 29.08.2012 abends in Ulan Ude, was gerade noch dazu reichte um 30 km außerhalb der Stadt unser Lager aufzuschlagen. Wir haben die letzten Stunden in Ulan Ude viel gelacht, zumal uns der Sébastien mit seinem schweizer Deutsch oft in ein sprachliches Vergnügen versetzt. Beim Adieu-Sagen, hat der Sebi irgendetwas gesucht und fand es jedenfalls nicht, bis dieser Gegenstand auftauchte.
Und wo war er? Ganz klar: Im Hosensack.

Zu Spaghetti und Nudel sagen die Schweizer Teigwaren, sodass am Ende, gesetzt den Fall, dass man eine Spaghetti in der Hose hat und diese da rausbekommen will, die Deutschen die Nudel aus der Hosentasche und der Schweizer die Teigware aus dem Hosensack holen.

Als wir die Stadt verlassen, steht der fast Vollmond hell leuchtend über dem klaren Horizont. Abschied von Ulan Ude mit seinen tollen Leuten zu nehmen, fühlt sich gleich wie ein Abschied an Russland an. Es war ein guter Abschied. Ich verfalle in eine Art nostalgische dankbare Trauer, weil bis hierhin alles so schön war, alles geklappt hat und das Glück uns ebenso hold war und ergebe mich bei guter Musik im Ohr diesem Gefühl.

Da die Landschaft außer Strauch und Wiese und tollen Mücken nichts zu bieten hat, beschließen wir hinter einer Heckenreihe zu zelten. Unser erstes gemeinsames Nachtlager mit dem Schweizer. Sebi, Sébastien oder eben Schweizer nennen wir unseren neuen Freund und Reisegefährten. Sebi ist 26 Jahre alt und hat die letzten 7 Jahre im Outdoorbuisness gearbeitet, ist aber schon sein ganzes Leben lang der Natur zugetan. Er fährt im Winter gerne Snowboard, macht Gleitschirmfliegen, segelt, Deutsch und Französisch als Muttersprache, alles in allem ein richtiger Allrounder und Outdoor-Bursche. Er ist seit Anfang Juli mit dem Rad unterwegs, fuhr auch über Rumänien und die Ukraine, um ebenfalls seinem Lebenstraum zu folgen: Mit dem Fahrrad in und durch die Mongolei.

Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass er uns an diesem Abend und darauf folgende immer wieder durch sein Reiseequipment ins Staunen versetzt. Alex und ich meinen irgendwann, es vergeht kein Tag, an dem uns der Schweizer nicht wieder irgendetwas Neues zeigt. Während wir unser Zelt aufbauen, klettert der Schweizer auf einen Kieferbaum. Hat wohl Fernweh, denke ich mir, was machst du da Sebi? Ich spanne meine Hängematte auf. Mit dieser flexiblen Hängemattenkonstruktion samt Planendach fing das Vorführen an. Mit einem Mal ist unser Schlafplatz erleuchtet, Sebi hat eine Lampe in die Hecke gehängt. Dann zeigt er uns seinen GPS-Sender, mit dem er jeden Abend eine Mitteilung an seine Familie senden kann, die auch den genauen Aufenthaltsort beinhaltet. Im Notfall kann er einen Knopf drücken und man würde ein Rettungsteam nach ihm entsenden. Keine schlechte Sache, wenn man als Alleinreisender sowas besitzt. Am gleichen Abend telefoniert er mit seinem Vater, Alex und ich amüsieren uns köstlich über den schweizer Dialekt und verstehen oft gar nichts.

200 km liegen noch vor uns und zwei Tage haben wir noch Aufenthalt in Russland. Der nächste Tag trotzt uns mit jeder Menge Gegenwind. Außerdem ist es kalt geworden. Eine unangenehme Mischung. Wenn man fährt schwitzt man, sobald man stoppt, kommt die Kälte durch die Kleidung gekrochen. Die Landschaft südlich von Ulan Ude gleicht kargem Weideland. Man sieht zunächst auf den Bergen keine Bäume stehen und erst weiter südlich beginnt wieder der Kiefernwald . Obwohl es geografisch gesehen hier recht bergig zugeht, haben wir Glück, sodass an diesem Tag die Straße weniger steil verläuft, als ursprünglich angenommen. Nur der Gegenwind macht das Vorankommen schwierig.

Gegen Abend erreichen wir eine gottlose Stadt mitten in der hügeligen Einöde. Von Weitem sieht man schon zwei riesige Schornsteine einer Fabrik dichten weißen Rauch ausstoßen. Hier hält es uns nicht lange. Wir kaufen ein und sind schnell auf und davon.

Die Abendsonne taucht die Landschaft in goldene Farben und sobald wir die Stadt mit ihren Schornsteinen verließen, konnten wir auch dieses Farbenspiel wieder genießen. Ein letzter steiler Anstieg treibt uns das letzte Mal an diesem Tag den Schweiß aus den Poren. Der bereits aufgehende Vollmond, riesig wie er an diesem Abend ist, kündigt die Dunkelheit an. In einem Kiefernwald finden wir eine schöne Schlafstelle, Feuerholz liegt hier reichlich herum. Alex und ich frieren, weswegen wir auch nicht herumdallern, sondern gleich das Zelt in höchster Eile aufbauen und alsdann ein Lagerfeuer in Gang setzen. Langsam wird uns klar, dass wir unbedingt neue wärmere Klamotten brauchen. An solche Temperaturen haben wir bei unser kurzen Reiseplanung Ende März zunächst nicht gedacht oder wir waren zu faul warme Extrasachen 9000 km mit uns zu schleppen. Der Schweizer friert nicht, hat alles dabei; aus einem kleinen Stoffbeutel holt er eine Daunenjacke hervor, superkleines Packmaß, superleicht, superwarm, beim Sebi ist alles super.

Nachdem wir genug Feuerholz zusammengetragen haben, beginnt der gemütliche Teil des Abends. Sebi kocht für uns Teigtaschen, gefüllt mit Zwiebeln und Käse, nach einem rumänischen Rezept. Erzählen haben wir uns viel, da wir uns ja erst ein paar Tage kennen. Noch später am Abend liegen wir einfach vor dem Feuer, genießen Vollmond und die vielen Sterne, ich kriege die Mundharmonika vom Sebi und trällere ein paar ruhige, langgezogene Klänge, sanft genug, dass die beiden wegdösen.

Das letzte Lagerfeuer für uns in Russland. Die Nacht ist bitterkalt. Ich wache auf, weil mein Schlafsack nicht hält was er verspricht. Der Komfortbereich der mit 0 Grad angegeben ist, erscheint mir als die allergrößte Lüge auf dieser gesamten Radreise. Alex und Sebi haben es da besser mit ihren Daunenschlafsäcken. Und so kommt es, dass ich, sobald wir fortan zelten, jede Nacht mit Mütze, Schal zunächst langer Jogginghose, Pullover und Handschuhen zu Bette gehe und dabei immer noch nicht recht warm werde. Egal. Ich versuche es mit Humor zu nehmen und tatsächlich lachen wir auch immer, wenn wir zelten über meine stiefmütterliche Beziehung zu meinem Schlafsack. Später kaufe ich mir eine lange Kaschmirunterhose, eine dicke Mütze aus Kamelwolle und einen Schal, womit die kalten Nächte erträglich wurden.

Am nächsten Morgen würde der gemeine Norddeutsche sagen: Es ist arschkalt. Der Himmel ist bewölkt, es windet immer noch und die Luftfeuchtigkeit scheint sehr hoch zu sein. Beim Zeltabbau entsinnen wir uns der Worte von Kurt, den wir Anfang August trafen, als dieser zu uns meinte, in der Mongolei würde es warm und sonnig sein und lassen darüber an diesen Tagen unseren Sarkasmus walten. Ja natürlich wird es sonnig und warm und wenn es jetzt regnet, dann regnet es sich nur ab. (Nicht einmal 5 Tage später ward es sonnig und warm, sodass wir uns alle Sonnenbrand im Gesicht zuzogen.)

Wir packen unsere Sachen, verlassen den Kiefernwald und knöpfen uns gleich den ersten Berg vor. Hiernach folgt eine fast 15 km lange Abfahrt. Das Gefühl was ich hierbei habe ist einfach fantastisch!

Die Landschaft ist wie aus dem nichts, nach dem ersten Berg neu entstanden, hat eine andere Form angenommen. In der Ferne präsentieren sich Berge mit faltigen Bergrücken, deren Ende man nicht sehen kann. Man ahnt die Mongolei! Dahinter, hinter dieser Bergkette ist die Mongolei!

Und dann diese irrelange Abfahrt – alles ist so leicht! Plötzlich begreife ich, dass ich ‚fast‘ da bin. Die Mongolei. Ich bin fast da. Etwas was so unbegreiflich vor zwei oder drei Jahren war, ist nun zum Greifen nahe gerückt. Wie weit weg war die Mongolei doch immer gewesen, als ich im Flur meiner ehemaligen WG-Wohnung stand und auf die Weltkarte guckte.

Ein Lebenstraum erfüllt sich in wenigen Tagen. Und sowieso ist diese Freiheit die mir, die uns zu Füßen liegt einfach ein himmlisches Geschenk. Ausgeklinkt aus dem Alltag der kleinen Verantwortungen und Verpflichtungen. So fernab von jener Notwendigkeit Datum, Wochentag und Uhrzeit zu wissen. Wir wissen schon seit langem nicht mehr was für einen Tag wir haben, oder wie spät es ist, da wir keine Uhren mit uns führen. Außerdem vergehen manchmal ganze Wochen ohne einmal sein Spiegelbild gesehen zu haben.

Ja ich bin völlig übermannt von diesem tiefen Augenblick mit seiner Erkenntnis und schäme mich auch nicht meiner Tränen die ich vor lauter positivem Lebensgefühl auf dieser Abfahrt vergossen habe. Tränen des Glücks… .

Am Fuße der Abfahrt liegt eine kleine bescheidene Siedlung wo wir uns Essen einkaufen. Der Ort wirkt traurig und verlassen. Grober Schotterstein liegt auf der Straße, vom Hauptgebäude, wo wohl die Verwaltung drinnen steckt, blättert sich der Putz, eine Ziegenherde rennt über die Straße, der Himmel grau, es windet, die Kirche im Dorf in einem maroden Zustand. Ich weiß nicht wie man hier leben kann, da es hier auch nichts gibt. Hier in dieser Gegend existiert einfach nichts. Auch auf der Straße ist nicht viel los. Ab und zu kommt uns ein Fahrzeug entgegen. Einmal fahren drei polnische Motorräder mit Beiwagen an uns vorbei, hupen und winken. Dieselben treffen wir rund 10 Tage später in der Mongolei auf der Straße wieder.

Bevor wir die russische Grenzstadt ‚Kjachta“ erreichen, müssen noch ein paar Berge genommen werden. Abends gegen 20 Uhr treffen wir sehr erschöpft in Kjachta ein, der letzte Tag Fahrradfahrt in Russland hatte es nochmal gewaltig in sich. Kurz vor der Stadt macht ein großes Plakat den Reisenden auf das Grenzgebiet, in dem man sich nun befindet, aufmerksam. Abgebildet Soldaten mit Kalaschnikow und Spürhunden die auf der Lauer liegen und der Grenzzaun mit Wachhaus. Etwa 1 km nach diesem großen Warnschild erscheint eine riesige Kaserne mit allerhand Militärfahrzeugen und Soldatenvolk. Der Anblick hat irgendetwas Abstoßendes, es wirkt kühl. Bei Fahrt in die Stadt Kjachta wird unser Eindruck weiter gedrückt. Ein in Besoffener begrüßt mich mit ausgestrecktem Arm und ruft „Heil Gitler“ (das H wird von den Russen durch ein G ersetzt), 10 Minuten später nochmals von einem anderen Betrunkenen ebenso begrüßt. Wir halten vor einem Magazin. Wir sind durchgefroren. Ich bin deshalb froh einkaufen zu dürfen, um mich dabei aufzuwärmen, Sebi bleibt draußen vor den Rädern, er hat ja die warmen Klamotten an :mrgreen: .

Im Magazin ein paar Soldaten. Uns ist klar, dass wir in dieser Gegend auf keinen Fall zelten wollen, um irgendwelche Zwischenfälle mit Polizei oder Militär zu vermeiden. Draußen verstauen wir die Furage, ein anderer Betrunkener kommt an, er hat sich eingenässt und belagert uns.

Plötzlich hat Alex die rettende Idee. Als wir vom Baikalsee nach Ulan Ude mit dem Jeep fuhren, war eine Frau dabei, die in Kjachta wohnt und hier Direktorin eines Museums ist. Glücklicherweise haben wir noch ihre Telefonnummer. Ich rufe sie an, erkläre ihr mit meinem bescheidenen Russisch, dass wir in Kjachta sind und eine Unterkunft bräuchten. Aber irgendwie verstehen wir uns nicht, also gehe ich ins Magazin mit Handy, bedeute der Verkäuferin, dass sie mal den Hörer nehmen soll und der Stimme am anderen Ende mitteilen möchte, dass wir hier am Magazin sind und warten.

Gesagt, getan. Nach 15 Minuten treffen wir uns mit der Frau. Sie will uns in ein Hotel verfrachten, da sie selber keinen Platz für drei Personen hat. Wir dafür, wollen kein Geld für ein Hotel ausgeben und das sagen wir ihr auch. Sie gibt ein Zeichen ihr zu folgen und nach 20 Minuten der Schlenderei in dieser eher ausladenden als einladenden Stadt, in der wir uns absolut unwohl fühlen, kommen wir bei einem schäbigen Hotel an. Genau das wollten wir nicht – denken wir uns. Bevor wir unseren Unmut offenkundig machen, warten wir erst einmal ab. Abwarten hat sich bisher immer gut ausgezahlt auf dieser Reise. Unsere Sachen sollen wir schonmal im Flur abstellen, die Frau beredet derweil irgendetwas mit der Hotelangestellten an der Rezeption.

Dann kommt die Frau zu mir und reicht mir flüchtig, verdeckt 2000 Rubel (50 Euro). Damit soll ich jetzt zur Rezeption gehen und unser Zimmer bezahlen. Ich verstehe absolut nichts, tue aber wie mir aufgetragen, gehe hin und bezahle. Woher das Geld stammt wissen wir alle nicht. Wir denken uns, dass es Geld aus der Hotelkasse ist, Frau und Angestellte sich privat kennen und somit diese Zahlung oder sei es Scheinzahlung als ein Akt der Höflichkeit uns gegenüber so zustande kam. Jedenfalls haben wir die letzte Nacht in Russland umsonst in einem Hotel verbracht. Alex und ich berufen uns in solchen Fällen immer auf unseren Sonntagskindstatus, der Schweizer redet immer vom Glück des Reisenden.

Wir bedanken uns recht herzlich und sagen der Frau, dass wir morgen bevor wir die Stadt verlassen, sie in ihrem Museum besuchen werden, obwohl wir insgeheim so schnell wie nur möglich aus Kjachta flüchten wollen. Das Hotelzimmer ist schlicht, jeder hat sein eigenes kleines Bett, Balkon gibt es auch, auf dem werden die Benzinkocher zum Kochen gestellt.

Seitdem Sebi nun bei uns ist, erlebe ich die allerhöchsten Kochgenüsse. Ich selber habe es mit dem Kochen nie so gehabt. Alex und der Schweizer sind dort von anderer Natur. Manchmal kommt es mir vor, als wenn sie gegenseitig wetteifern oder erst gemeinsam sich zu einem höheren Moment der Gaumenfreude verschmelzen. Ich jedenfalls halte mich meistens aus der Kocherei heraus, schäle mal eine Zwiebel oder Knoblauchzehe, mache den Abwasch, sammle Feuerholz und genieße jedes Mal, was die beiden fortan hinzaubern. Und so geschah es auch an diesem Abend in diesem Hotelzimmer, die beiden sind beim Kochen wieder einmal übermütig, das Essen war furchtbar lecker. Danke euch Jungs – das war alles immer lecker ! :mrgreen:

Es ist der 01.09. Wir packen unsere Sachen, verlassen das Hotel und suchen das Museum auf. Überall laufen kleine Jungen in Anzügen, die Mädchen mit Kleidern und weißen Schleifen im Haar herum. Weiter vorne auf der Straße ein größeres Gebäude. Na klar. Heute am 01.09 ist in Russland ja Schulanfang. Schultüten sehe ich keine. Dafür läuft auf einem öffentlichen Platz die allerschlechteste Musik die man zu einem ersten Schultag nur spielen kann, die allerletzte Technorummelmusik mit der man Elefanten vertreiben könnte. Verboten schlechte Musik, absolut. Wir finden uns vor dem Museumsgebäude wieder und beschließen kurz ‚Hallo‘ und ‚Tschüss‘ zu sagen. Doch die Frau fragt erst gar nicht und beginnt einen Museumsrundgang in diesem Gebäude mit drei Etagen.

Doch nach wenigen Minuten verschwindet die Eile und wir nehmen es gelassen. Zugegeben, war dieses Museum in Kjachta eines der besten Museumsbesuche in meinem Leben. Das Museum besitzt überaus viele erstklassige Exponate aus früheren Zeiten, wie die Menschen hier lebten, dass es bereits früher einen florierenden Teehandel auf der Strecke Kjachta-China gab, Alte Fotografien waren zahlreich dabei. Man lebte förmlich mit in dieser Zeit als Besucher.

Mit Spannung und Interesse vollendeten wir diesen Rundgang und machten uns nun endgültig auf. Doch zuvor aßen wir noch einmal von unseren letzten Rubeln Mittag in einem Cafe, welches mit kleinen Schulkindern vollgestopft war. Als Alex und ich eintraten schauten uns alle erstaunt an und kiecherten verstohlen. Ein paar Knaben vom Nachbartisch trauen sich uns auf Englisch zu fragen wie wir heißen, im Hintergrund dröhnt Kindermusik aus dem CD-Spieler.

Wir verlassen Kjachta in Richtung Grenze, 2 km sind es noch. Ob das Ausreisen auch so einfach wie das Einreisen wird, fragen wir uns. Ein letztes gemeinsames Foto von uns in Russland und wir radeln in den Grenzbereich. Es wirkt alles locker und entspannt, ich sehe nirgendwo schwer bewaffnete Soldaten stehen, nur ein paar Grenzbeamte geistern herum, wirken alle gelassen. Ob wir Drogen, Schusswaffen oder andere Waffen besäßen? , tun wir nicht. Und schon haben wir unseren Ausreisestempel von den russischen Behörden, Zeitansatz 5 Minuten. Die mongolischen Grenzbeamten sind noch mehr entspannt und sehr entgegenkommend.

Geschafft ! Wir sind in die Mongolei zu dritt eingereist !

Ob sich etwas geändert hat?
Ja sehr viel und ich schreibe es jetzt nicht hier rein, um dem Ganzen etwas Romantisches beizufügen, wie liebevoll Mutter Natur zu uns doch war, sondern weil es sich wirklich so zugetragen hat, denn Kurt hatte vollkommen recht:
Wir betreten die Mongolei und der Himmel ist strahlend blau, von der Kälte der vergangenen Tage ist nichts mehr zu spüren! Ist das nicht ein himmlisches Geschenk? Wir geraten sehr in Freude darüber. Ziehen unsere langen Sachen uns und radeln fortan am Tage mit T-Shirt und kurzer Hose.

Auch die Menschen sehen anders aus. Und die Menschen lachen mehr. Mongolen sind ein lachendes Volk wie wir feststellen werden. Wir kaufen uns gleich hinter der Grenze ein bisschen Essen ein. Allein das Angebot in dem mongolischen Magazin ist bereits ein anderes. Man könnte sehr viel Süßkram kaufen, aber keinen Käse, keine Milch, nur eine Sorte Wurst die wahrscheinlich den Namen „Wurst trägt, und Früchte gab es auch nicht. Ein anhaltendes Phänomen der kleinen Magazine auf unserer Durchreise. Die erste Banane habe ich in der Mongolei erst nach drei Wochen in der Hauptstadt entdeckt.

Wir verlassen diesen kleinen Ort in dem uns ein paar Menschen fragen, ob wir Geld umtauschen wollen, wir verneinen, da wir uns gleich an der Grenze Geld vom Bankschalter holen konnten. Es gibt kein Hartgeld. Von 20 bis 20000 Tögrög, so der Name der Währung, gibt es Geldscheine. Etwa 1700 sind 1 Euro. Es ist und bleibt für mich heute nach 3 Wochen noch schwierig bei diesem Meer an Geldscheinen in der eigenen Geldbörse den Überblick zu behalten.

Uns präsentiert sich eine scheinbar unendliche Weite die ihren Anfang in einer Flachebene nimmt und sich später zu einem geschlossenen Hügelland umbildet. Hier und dort sieht man Viehherden weiden und die ersten Jurten stehen. Scheinbar wahllos irgendwo aufgebaut.

Wir fahren mit unseren Rädern zu einer schönen Stelle mit gutem Blick auf das Land. Wir öffnen uns jeder ein Bier, Alex hat für jeden eine Zigarre dabei … und so sagen der Schweizer, der Berliner und der Mecklenburger „Hallo“ zu diesem Land und genießen unsere Ankunft. Unfassbar, aber nach über vier Monaten ist man jetzt angekommen, die Mongolei war vier Monate lang unser Ziel, vom 18.04. als Anbeginn. Schwierig zu beschreiben und somit ein wenig unerklärlich dieser Moment. Etwas ist eingetreten, was lange Zeit extrem weit (örtlich, zeitlich) von einem entfernt war und in diesem Moment sitzt man quasi drinnen – exorbitant fällt mir hierzu als Wort ein.

Wir essen; bald darauf kommt eine Rinderherde herangeschlurft. Die Tiere gleichen nicht dem deutschen Einheitsrind. Sie sehen uriger, kräftiger aus, alle haben Hörner, das Fell ist nicht glatt, sondern zottelig.

Nachdem wir artig aufgegessen haben, das Wetter soll ja schön bleiben, sind wir in den nächsten Ort für die kommenden 150 km gefahren. Bier kann man hier nicht kaufen, weil heute der 01.09. ist. Wir fanden heraus, dass der Verkauf von Alkohol jeweils am Ersten eines neuen Monats verboten ist. Dafür gibt es in dem Mini-Markt ganz viele deutsche Produkte, wir sind entzückt. Da Apfelmuß…und dort Gummibärchen und hier richtige Tempotaschentücher.

Gleich um die Ecke fragen wir ob wir uns ein wenig Trinkwasser in den 10 Liter Wassersack des Schweizers füllen dürfen. Ein Mädchen kommt heran und lotst mich in ein kleines Haus. Es ist eine Art Pumpwerk, ein Arbeiter war noch mit der Elektrik freihängender Kabel beschäftigt, eine Treppe und Bohrgestänge gehen tief in den Boden ab, irgendwo guckt ein Wasserhahn aus der Wand – perfekt.

Auf einer, nein es ist ja nicht eine, sondern „die“ Straße, verlassen wir die Stadt gen Süden. Es wird dämmerlich und die Abendsonne leuchtet die Großebene satt aus, sodass das trockene Weidegrass wie goldene Halme auf ihr steht. Da wir gen Süden fahren, geht die Sonne hinter einer Bergkette rechts (übrigens Westen wer gut aufgepasst hat) von uns unter und wie sie dahinter verschwindet, heben sich die Silhouetten der Berge kräftig vom Himmel ab. Ein toller Hell-Dunkel-Kontrast, ein tolles Lichterspiel für das Auge. Im selben Moment sind wir Zeugen vom Mondaufgang links von uns. Wir sind quasi zwischen Sonne und Mond in diesem Augenblick gefangen, sodass man sich kaum entscheiden mag wo man hinschaut. Das war wirklich zauberhaft zwischen diesen beiden Himmelskörpern die Straße geradeaus zu fahren. Was will man in solchen Momenten noch mehr haben, schlicht und einfach nichts mehr.

Spät am Abend unter uns dreien der gleiche Austausch; wie schön das doch war. Die Sonne verschwindet, aber die große Himmelslaterne hat heute so viel Saft, dass wir keine Schwierigkeiten haben uns neben der Straße zurechtzufinden. Wir sind auf Schlafplatzsuche und machen irgendwo Halt, versuchen zu einem kleinen Kiefernhain zu gelangen, doch Hundgebell direkt vor uns hält uns davon ab, weiterzugehen. Schwach heben sich auch die Umrisse einer Jurte ab. Alle Jurten haben mindestens ihren einen Wachhund. Auf Hundebiss gleich am ersten Mongoleitag steht uns nicht der Sinn. Aber die Mongolei ist groß und so finden wir wenig später eine andere Schlafstelle. Zwischen Kiefern und auf sandigen Boden stellen wir unsere Zelte auf bzw. nur unser Zelt, Sebi schläft wieder in seiner Hängematte. Ach was war es schön dort. Die Kiefern waren ausgewachsen, stark und urig in ihrer Gestalt. Ein Blick in die helle Nacht – nichts, keine Häuser, keine Menschenlichter, nur Vollmond und unser Lagerfeuer. Irrwitzige Schattengestalten bilden sich da im Mondlicht durch die Baumwipfel am Boden ab.

Am nächsten Morgen, wir packen unseren Kram zusammen, hören wir auf einmal das Pfeifen und den Gesang einer Person. Wir laufen dem nach und sehen zwischen einer Kieferreihe eine große Ziegenherde auftauchen und irgendwo zeigt sich dann auch der Hirte auf seinem weißen Pferd. Was für ein wahrer ungefälschter Moment, der so in Deutschland niemals vorkäme. Ein freier Mann der seine Tiere hinaus auf die Koppel treibt und vor lauter Unbeschwerde sein Liedchen singt. Und das ist sein Leben – so lebt dieser Mensch.

Sebi fängt auch zu pfeifen an, der Reiter kommt zu uns beiden heran, wir bedeuten ihm, dass er mal zu uns kommen möchte, dann kriegt er Tee zum Trinken. Alex staunt nicht schlecht als wir beide mit einem weißen Schimmel und einem Mongolen zurückkommen. Das Pferd strullte uns wohl als ein Begrüßungsakt direkt vor die Füße. Der Mongole bekommt Tee von uns, hockt sich hin, trinkt und beobachtet uns und unsere Sachen schweigend, hat ausgetrunken und reitet davon, fängt irgendwann wieder an sein Liedchen zu trellern…wahrscheinlich wie jeden Tag.

 
 
 

3 Kommentare zu “Ankunft Mongolei – Teil IMon”

  1. Frank Langbehn
    24. September 2012 um 08:03

    Hallo Arne
    Ich bin schwer beeidruckt von Deiner Geschichte.Du solltest ein Buch veröffentlichen.Ich arbeite gerade in Tianjin (China)

  2. Bericht aus der Mongolei | Sébastien unterwegs auf zwei Rädern
    26. September 2012 um 07:06

    […] Ankunft in der Mongolei Teil I http://www.heiter-immer-weiter.de/2012/09/20/mongolei-ulan-batar/ […]

  3. Kaddy
    3. Oktober 2012 um 17:04

    🙂