Von Novosibirsk bis nach Krasnojarsk

Hallo.
Von Speichenbruch, vielen Bergen, riesigen Wäldern, Smog, nächtlichen Affengebrüll bis hin zum nächtlichen Betonfundamentausgießen gibt es doch vieles zu berichten.

Zu Novosibirsk gibt es noch so viel zu sagen, als dass wir einen Nachmittag mit Nadia in den Novosibirsker Zoo gingen. Der zweitgrößte Zoo Russlands nach dem Moskauer. Das Lustige an der Sache war, dass Alex und ich keinen Eintritt bezahlen mussten. Als wir unsere Räder neben dem Haupteingang an einer Laterne anschließen wollten, öffnete uns der Zoo-Sicherheitsdienst ein eisernes Nebentor um die Räder auf dem Gelände abzustellen und meinte, 50 Rubel (1,20 Euro) quasi Parkgebühren seien angemessen. Leider hat uns dieser nicht auf Eintrittskarten kontrolliert, als wir die Räder durch das Tor auf das Gelände schoben und so waren wir für 1,20 Euro im Zoo von Novosibirsk. Auf dem ersten Blick ein ganz normaler Zoo. Auf dem zweiten vielleicht ein wenig schmuddeliger. Ich war ein wenig empört, als ich vor dem Eisbärengehäge stand und mit ansah, wie viel Plastikmüll im Wasser schwamm. Außerdem feuerten die Menschen beständig ihr Eis oder andere Handsnacks zu den Bären rüber. Vor mir stand eine etwas breitere Frau in einem lila Kostüm. Ich habe an ihrer Körpersprache erkannt, wie schwer es ihr fiel, ihr Eis zu den Bären rüberzuwerfen. Zeichen des Zögerns. Aber dann…..sie überwand sich und schmiss es auch dem Bär zu – für einen Moment strahlte sie das aus, als wenn sie just etwas sehr „Erhabenes“ tat. Mir schmeckte diese Bärenfütterung ganz und gar nicht.
Als wir den letzten Morgen in Novosibirsk aufwachten, stand Xenia (eine von den beiden Zwillingen) vor der Tür, um uns extra ‚Tschüss‘ zu sagen. Also nahm sie den weiten Weg von sich zu Hause zu uns mit ihrem Rad in Kauf. Novosibirsk ist groß, sie brauchte 1,5 Stunden hierfür. Wir werfen eine Fuhre Postkarten in den Postkasten und machen uns auf dem Weg Novosibirsk zu verlassen, um die letzten ‚paar‘ tausend Kilometer für uns in Russland abzustrampeln.

Es ist der erste August und die Sonne sie scheint. Am frühen Nachmittag erreichen wir über einen unscheinbaren Sandweg, welcher von der Hauptstraße abgeht, ein kleines Dorf. Durch die grünen Koppeln und dem angrenzenden Kiefer-Tannenwald erinnert das Bild ein wenig an das Voralpenland. In einem Magazin kaufen wir etwas Essen ein, schwingen uns auf die Räder und lassen uns am Straßenrand unter einer Birke nieder. Ein Dose Ananas, eine Dose Fisch, Brot mit Marmelade und Ketchup sowie für jeden ein paar Schokowaffeln – reichhaltig sieht anders aus. Die kommenden 80 km fahren wir durch und kommen abends völlig erschöpft bei einem Straßencafé an. Die Landschaft würde ich bis hierhin als öde und wenig abwechslungsreich beschreiben. Viel Ackerland, wenig Wald. In dem Cafe übermannt mich eine starke Erschöpfung, sodass ich im Sitzen immer wieder einnicke, mir der Kopf dabei auf die Brust sinkt. Ausgiebig essen kann man bei diesen horrenden Preisen nicht, sodass wir nach einer Soljanka und zwei Tassen Schwarztee zum nächsten Ort fahren um in einem Magazin einzukaufen.

Als wir den Laden betreten und ‚Guten Tag‘ auf Russisch sagen, dreht sich ein Mädchen neben seiner Mutter stehend um und meint mit einer ja fast empörten Stimme auf Russisch ‚Das heißt guten Abend‘. Wir grinsen und nehmen die Zurechtweisung der vielleicht 7-jaehrigen an.

Nach dem Einkauf geht es weiter. Wir verlassen die Hauptstraße und fahren auf eine Nebenpiste die nur aus Schotter besteht. Die Sonne steht noch ca. für eine Stunde über dem Horizont, eine rote Scheibe,denn es ist wieder diesig geworden – Rauch der brennenden Taiga. Als diese unterging, quartieren wir uns neben einem kleinen Birkenwald am Wegesrand ein. Wir haben in dieser Nacht Vollmond, der die ganze Wiese ausleuchtet. Bei klassischer Musik essen wir unser Abendbrot, plauschen ein wenig und gehen doch rasch ins Zelt, da wir erledigt sind. In der Ferne sieht man Wetterleuchten und irgendwo in der Nähe bellt unablässig ein Hund. Als wir im Zelt liegen, fällt mir auf, dass das Hundegebell lauter wurde. Ich öffne meine Zelttür und blicke hinaus. Draußen ca. 15 Meter entfernt steht ein schneeweißer Hund dem Zelt zugewandt. Beim Anblick meiner Visage verschwindet er sogleich und das Gebell verstummt.

Aus den Wetterleuchten wurde nachts ein Gewitter mit heftigen Regengüssen. Wir wachen dabei auf wie der Regen gegen die Zeltwand, ja man kann ruhig sagen, trommelt. Das Wetter beruhigt sich und als wir morgens aufwachen, fehlt von dem nächtlichen Unwetter jede Spur und selbst das Zelt kriegen wir in der scheinenden Sonne schnell getrocknet.

Nach ca. 40 km weiterer Schotterpiste erreichen wir einen kleinen Ort wo es für uns Mittag gibt. Ein Mann der in den Laden tritt marschiert auf unseren Tisch zu und fängt ein Gespräch an. Die üblichen Fragen, die üblichen Antworten werden ausgetauscht. Dann geht er zur Kasse und kommt mit einer Flasche braunen Schnaps wieder, die er uns als Geschenk hinstellt . Auf unser Wohl und das Wohl aller stoßen wir an und lassen schnell die Flasche verschwinden, denn nach Betrinken steht uns nicht der Sinn. Später warfen wir die Flasche samt Inhalt weg – brauner Schnaps ist nicht so ganz unsere Welt.

Weiter gehts, auf nach Kemrovo, der nächsten großen Stadt östlich von Novosibirsk. Ich höre auf meinem Mp3-Player mittlerweile Udo Lindenberg, da ich alle anderen Musikordner bereits dutzende Male durch gehört habe. Udo wird mich nun in Zukunft an Sibiriens Straßen erinnern.

Abends erreichen wir Kemrovo. Ich kann nicht gerade behaupten, dass sie zu Russlands schönsten gehört. Der Einkauf im Supermarkt lässt die Geldbörse mal wieder um Scheine leichter werden. Beim Verlassen der Stadt und Überfahrt auf einer Brücke erstreckt sich links von uns ein riesiger Industriepark mit vielen rauchenden Schornsteinen. Im Glanz der Abendsonne könnte man diesen Anblick als fast schön beschreiben. Kemrovo wirft uns als Abschiedsgeschenk einen fetten Berg mit saftigen Anstieg entgegen. Alex gelingt es sich von einem Kamaz-LKW hochziehen zu lassen und rauscht davon. Mir bleibt dieses Glück versagt. Außerhalb der Stadt bleiben wir vor einem blauen Verkehrsschild stehen. Irkutsk ist nur noch rund 1800 km entfernt. Das ist für uns gefühlt wirklich nahe.

Das Zelt schlagen wir wieder unter Birken abseits der Straße auf. Ehe wir eine geeignete Stelle in diesem Waldstück fanden, mussten wir oft den Platz wechseln, da überall Ameisenhaufen vorhanden waren. In dieser Nacht regnet und gewittert es stärker als die Nacht zuvor. Morgens als wir aufstehen ist es unangenehm nasskalt draußen. Nebel und Rauch hängen in der Luft – das Wetter liegt schwer auf dem Gemüt. Aber: „Heiter,immer,weiter“, sagen wir uns in solchen Momenten und bedenken die Situation mit sarkastischem Lächeln – ändern können wir es eh nicht.

Also frühstücken wir, packen das nasse Zelt zusammen, suchen uns einen Weg aus dem Birkenwald zurück auf die Hauptstraße. Mit klammen Sachen fahren wir weiter. Es ist nun so richtig sibirisch geworden. Jedenfalls so wie ich mir Sibirien immer vorgestellt hatte. Dichter Wald soweit das Auge reicht. Hier und dort eine Moorgrube mit abgestorbenen Birken. Ein Berg folgt dem anderen, sodass das Radeln recht anstrengend ist. Überall an diesem Tage, Nebel und Rauch ! Wenn man auf der Straße geradeaus blickt, reißt die Straße plötzlich ab und man starrt auf einen grauen Vorhang. Licht am Fahrrad und Warnweste sind absolute Pflicht. So schön wie die Landschaft auch ist, Rauch und die feuchte Kälte versalzen einem die Suppe.

Am Nachmittag begegnen wir am Straßenrand zwei Engländern aus der Nähe Londons. Sie nehmen an einer europaweiten Ralley teil und fahren mit dem Auto in die Mongolei. In der Mongolei wird dann das jeweilige Auto für einen guten Zweck gespendet. Ca. zwei Wochen später treffen wir vier Belgier die ebenso an dieser Fahrt teilnehmen.

Gegen frühen Abend verlassen wir die Hauptstraße, um in einen drei Kilometer entfernten Ort einzukaufen und ebenso zu nächtigen, in der Hoffnung, dass am kommenden Tage das Wetter und die Sicht besser werden. Es ist alles so trist und grau, dass selbst die Kinder am Dorfeingang nicht zu lachen scheinen und bei ihrem Spiel sehr ernst drein schauen. In diesem Nest scheint Leben und Zeit stehen geblieben zu sein. Es ist wohl des Nebels Schuld, der alles bleiernd schwer einlullt.

Wir fahren an einer Baracke eines Betriebsgeländes vorbei, von wo aus einige Männer in orangefarbenen Straßenbauwesten uns etwas Heiteres zurufen und uns heranwinken. Ich zögere zuerst, doch Alex ist der Meinung, dass man durchaus vorbei schauen sollte.

Vor der Baracke stehen ca. acht Männer und eine Frau, auf dem Gelände ein paar alte Maschinen. Ein Sandhaufen hier, ein anderer dort. Ich wittere Schlimmes…, es liegt Vodka in der Luft. Schnell sind wir von ihnen umzingelt und müssen die gewohnten Fragen der Herkunft und Zielsetzung unserer Reise beantworten. Außerdem informiert man uns wieder einmal darüber, dass „Hitler kaputt“ sei. Vielleicht zum hundertsten Mal auf dieser Reise. In Windeseile haben wir jeder ein Glas in der Hand – gefüllt mit Vodka, zudem reicht man uns einen Teller mit Gurken. Das ist in Russland Sitte; nach einem kurzen Vodka ein paar Gurkenscheiben in den Mund.

Da wir ja ziemlich abgekämpft sind, steigt der Vodka schnell zu Kopfe und nach fünf Minuten ist die schlechte Laune des Tages wie verflogen. Zudem machen wir die selbe Entdeckung die Kopernikus einst vor rund 500 Jahren machte, dass die Erde sich dreht. Also stellen wir unsere Fahrräder, auf denen wir immer noch sitzen, samt Gepäck gegen die Baracke und treten mit ein, man hat uns ja eingeladen. Irgendein Arbeiter feiert heute seinen Geburtstag und drinnen ist der Tisch reichlich mit Essen und Trinken gedeckt. Wir dürfen uns bedienen. Ich habe ziemlich schnell den Überblick verloren – ich glaube, dass wir rund zwei Stunden da geblieben sind und dann allgemeine Auflösungsstimmung eintrat. Ich habe mich die meiste Zeit mit Igor unterhalten (auf Russisch natürlich, Englisch spricht hier keiner). Igor war 36 Jahre alt, sah aber aus wie 55. Alex hatte andere Gesprächspartner.

Wir machen uns also auch los und fahren die die Dorfstraße entlang. Nach ca. 1 Kilometer beginne ich ein Gespräch mit einem Mann der vor seinem Haus steht und frage ihn, ob wir bei ihm auf seinem Grundstück zelten dürften. Es gesellt sich ein weiterer Mann auf einem Mofa hinzu. Ich weiß es nicht was dieser Mann da wollte. Jedoch fehlte Alex. Nach 15 min beschloss ich zurück zufahren um Alex zu suchen. Der Mann auf dem Mofa folgte mir und fuhr voran. Ich fand Alex auf der Straße, wie er gerade sein Fahrrad aufstellte und seine Gepäcktaschen zurechtrückte und mir grinsend zu verstehen gab, er habe sich hingeschmissen. Ja wir waren betrunken…und es war erst 22 Uhr. Der Mofafahrer fuhr davon. Es gibt Situationen im Leben in denen man die Anwesenheit bestimmter Menschen nicht deuten kann. Dieser Mofafahrer gehört definitiv dazu.

Gemeinsam fahren wir zum Grundstück. Der Mann öffnet uns das Hoftor, ein angeleinter Hund schnappt nach Alex und verpasst ihm einen Ratscher am Knie. Im Garten machen wir uns daran, dass Zelt aufzubauen. Die Kinder die im Garten spielten wurden von uns aufgefordert uns beim Zeltaufbau zu helfen, was sie auch taten. Wir fallen in einen tiefen Schlaf.

Morgens aufgewacht juckt es uns an mehreren Körperstellen. Auf unseren orangenen Isomatten springen braune Punkte herum. Es ist alles voller Flöhe ! Halleluja – ein Flohansturm ist genau das Richtige um morgens verkatert in Schwung zu kommen und hebt die Stimmung!. Wir bauen schnell das Zelt ab und schütteln die Flöhe von den Sachen und machen uns zügig davon.

Aber der Rauch und Nebel haben sich verzogen und Alex hat einen wunderbaren Durchfall bekommen. Wir frühstücken im Dorf vor einem Magazin, wo es eine Bank mit Tisch gibt. Es ist witzig wie das Dorfleben an uns vorbeizieht, als wir da so saßen und aßen. Ab und zu schlendert ein altes Mütterchen mit Kopftuch vorbei um etwas zu kaufen. Oder ein Lada hält an und skurrile Menschen steigen aus. Eine Kuh zieht mit vollem Euter muhend über die Straße und frisst die Blätter einer Hecke und schließlich ist es ein kleines Hunderudel aus sechs oder sieben verschiedenen Hunden bestehend, die vorbeilaufen. Alles kleine Ereignisse wie sie sich auf deutscher Straße in dieser Komposition nicht ereignen würden.

Alex setzt der Durchfall ganz schön zu. Spät am Abend berichtet er mir, dass er Nachmittags noch gerade so vom Fahrrad springen konnte und einen Satz in den Straßengraben unternahm, anschließend hupten die vorbeifahrenden Autos und feuerten ihn sozusagen bei seinem Geschäft an. :mrgreen:

Den allabendlichen Einkauf wollen wir auch dieses Mal in einem kleinen Dörfchen erledigen. Am Ortseingang stoppt ein junger Autofahrer. Sein Name klingt ein wenig wie „Goliath“. Goliath ist ganz aus dem Häuschen und erzählt uns, dass er Radfahren tollfindet. Er lädt uns zu sich in sein Elternhaus ein. Es gesellt sich ein weiterer Mann zu dem Gespräch an auf der kleinen Straßenkreuzung hinzu. Er stiegt aus seinem weißen Wagen aus und trägt eine weiße Kapitänsmütze. Jawohl, eine Kapitänsmütze wie einst der lustige Mann aus der Ukraine der uns den Weg erklärte. Alex und ich finden das vollkommen abgefahren, dass uns nochmal so eine Erscheinung über den Weg läuft. Menschen mit Kapitänsmützen haben es uns angetan! Der „Kapitän“ ist Mitte der 50, hat eine Glatze, eine Menge Gold- und Silberzähne und sein Gesicht scheint aus lederner Haut zu bestehen. Irgendwann guckt er mich listig an und bedeutet mir mit einer Sicherheit, dass ich kein Deutscher sei, weil ich Russisch spräche und verstehe. Ich sagte ihm, dass ich aber nur ganz, ganz wenig Russisch kann, doch er ließ sich darauf nicht mehr ein, stieg in seinen Wagen und faselte Worte a la, dass er über mich nun Bescheid wüsste, ich bräuchte nichts mehr vorzugeben und fuhr davon.

Wir fuhren nun mit Goliath zum Magazin kauften Abendbrot und brachten unsere Sachen zu ihm nach Hause. Seine Mutter nahm uns herzlich in Empfang. Sie war früher Mathelehrerin und bereitete uns später eine leckere Suppe vor. Mit Goliath fuhren wir nun zu einem Fluss um zu baden, so sein Wunsch. Das Wasser war angenehm. Über eine Brücke gleich nebenan schlenderten zwei junge, hübsche Mädchen. Goliath rief ihnen irgendetwas zu, daraufhin drehten sich beide um und liefen davon.

In Goliaths Haus hat uns die Mutter bereits ein Bett bezogen und wieder schliefen wir eine Nacht gemeinsam in einem Bett. Am nächsten Morgen als wir uns verabschieden wollten, saßen vor dem Haus auf einer Holzbank der Hausherr und der Kapitän dieses Mal ohne seine Muetze, dafür mit einer stilvollen gelben Sonnenbrille. Ein Fotoalbum lag auf seinem Schoss. Wir sollten auf der Bank Platz nehmen und der Kapitän überreichte uns sein Album, eine Fotosammlung aus seiner Armeezeit in der ehemaligen DDR. Es war schon lustig diesen alten Schinken zu durchblättern und dabei Aufkleber aus den Städten „Rostock“, „Ostseebad Rerik“ oder „Berlin“ zu sehen. Auch ein paar vergilbte Fotos von den Puddys waren vorhanden. Die einzelnen Seiten waren mit Löschpapier getrennt auf denen Panzer, Soldaten oder auch mal die Berliner Mauer schemenhaft gezeichnet waren. Lebendige Vergangenheit… . Wir nahmen Abschied. Der Kapitän war in Ordnung. Er winkte uns noch lange hinterher.

Die große Hitze wie wir sie die vergangenen Wochen erlebt haben, hat sich langsam fast unbemerkt verzogen. In das saftige Grün der Felder und Wälder mischt sich allmählich ein Gelbton mit ein. Auf der Hauptstraße treffen wir jungen Rentner, den Kurt. Er ist alleine mit seinem Mercedesbus unterwegs und kommt gerade aus der Mongolei. Wir unterhalten uns über eine Stunde mit ihm über Gott, die Welt und unser beider Reisen. Irgendwann berichtet er uns, dass er vor ca. 2 Wochen auch einen deutschen Radler hinter dem Baikalsee getroffen hat. Es ist für uns unfassbar, aber es war Philip den wir vor gut 2 Monaten, tausende Kilometer weiter westlich bei Saratov an der Wolga trafen ! Das langersehnte Lebenszeichen von ihm ! Das hat uns sehr gefreut.

Zum Mittag erreichen wir über eine Pontonbrücke Atschinsk, eine mittelgroße Stadt ca. 100 km vor Krasnojarsk. Im Außenbereich eines Cafes nehmen wir Platz und wollen schlemmen. Soljanka gibt es, der Klassiker bei uns. Am Nachbartisch wird schon schwer getrunken. Immerhin; wir haben ja bereits 13 Uhr. Die zwei Gestalten sind über unsere Anwesenheit sichtlich begeistert und schwingen sich zu uns an den Tisch ran. Woher und wohin, seit drei Monaten täglich die gleichen Fragen. Ein neues Fläschchen Vodka wird bestellt und wir sollen mit ihnen trinken, was wir aber dankend ablehnen. Doch sie sind nicht allzu nachgiebig und erst nachdem wir ihnen mehrmals beteuert haben, dass wir als Radfahrer keinen Alkohol trinken, akzeptieren sie unsere Entscheidung. Ich weiß gar nicht mehr wie oft ich bei diesem Tischgespräch mit den beiden in die Hände schlagen musste, jedenfalls wünschten sie uns alles Gute und viel Glück und zeigten Respekt vor uns. Der eine schrieb in mein Vokabelheft noch einen russischen Text, den wir Tage später übersetzen lassen konnten. Es bedeutet ungefähr so viel wie; “ dies sind zwei Radreisende die ich getroffen haben, mein Name ist ….. ich mag diese beiden Jungs sehr, bitte lasst sie in Frieden.“ Wie nett und ehrlich gut gemeint! Von einem Menschen geschrieben, der fast zwei Meter groß ist, dessen Gesicht von vielen Schlägereien gezeichnet war (seine Nase war schon ziemlich breit gehauen, eine richtige Boxernase) und der von sich selber behauptete, sein Beruf sei, „Bandit“ zu sein. Er bestand darauf von uns ein kleines Souvenir zu erhalten, Alex schenkte ihm einen Kugelschreiber aus Deutschland. Der Mann hat sich wie ein kleines Kind darüber gefreut.

Wir ziehen weiter, denn wir wollen am nächsten Tag in Krasnojarsk landen. In Krasnojarsk hat uns Gulnara aus Kazan einen Kontakt organisiert. Ich schreibe Dasha, dem Kontakt aus Krasnojarsk, also eine SMS dass wir am nächstem Tag wohl ankommen werden. Als Antwort erhielt ich (auf Englisch), dass es kein Problem sei. Morgen sei übrigens auch ihr Geburtstag und sie wolle abends mit Freunden und Familie picknicken, wenn wir Lust darauf hätten, sind wir gerne dazu eingeladen. Wir können unser erneutes Glück kaum fassen. Natürlich mache ich eine Zusage. Sind wir mal ehrlich…ist das nicht ein wenig verrückt? Da fährt man als Fremder durch ein großes Land und wird dann unbekannterweise zu einem Geburtstag herzlich eingeladen? Auf jeden Fall gebührt Gulnara hierfür unser allergrößter Dank !

Zurück zum Radfahren. Auf der Hauptstraße stehen ab und zu Verkaufsstände. Allerhand Dinge werden hier angeboten, essbares, Holzschnitzereien, Honig, Marmelade, Nüsse und, und, und… . Wir fahren an ein paar dieser Stände vorbei und erblicken schwarze Kapitänsmützen. Ohne großartig zu zögern kaufen wir uns jeweils eine für umgerechnet 2 Euro das Stück und sind nun ebenso stolze Besitzer dieser lustigen Hüte. Ob gute oder schlechte Laune, einen Kapitänshut kann man immer aufsetzen.

Es ist bereits dunkel, 23 Uhr und reißen die letzten 30 km ab. Der Wald ist zu beiden Straßenseiten so undurchdringlich, dass wir auf Wald- oder Feldwege als Zeltstelle angewiesen sind. Irgendwann finden wir eine halbwegs geeignete Stelle. In den Bergtälern sammeln sich bereits Nebelschwarten und das Gras ist vom Nachttau nass. Über uns flimmern die Sterne. Ab und zu rauscht noch ein Auto vorbei, ansonsten herrscht Stille. Schnell Abendbrot essen, Alex telefoniert noch mit seinem Bruder, doch das Gespräch reißt ab, zu schlechter Empfang und wir legen uns hin und schlafen schnell ein, erschöpft wie wir sind. Nachts, es ist 03:30 Uhr, wache ich von einem undefinierbaren Tiergeräusch auf, dass mich schon ein wenig schaudern lässt. Etwas schrie auf, dicht vor unserem Zelt und grölt dann wie ein ausgewachsener Affe ! Ich klopfe Alex auf den Arm. Alex aufwachen ! Schnapp dir dein Pfefferspray, da ist irgendetwas direkt vor dem Zelt an unseren Rädern. Es war kein Schwein und es war auch kein Bär, es klang eher wie ein großer Affe, aber das ist unmöglich. Ich konnte mir beim besten Willen nicht dieses Geräusch erklären. Igel machen manchmal auch komische Laute. Diese sind aber leiser und klingen doch anders. Wir gehen mit unseren Lampen und Pfefferspray raus und leuchten alles ab. Nichts zu sehen. Nach 5 Minuten legen wir uns wieder hin. Da fällt mir ein, dass ich mich ja mit Kopfhörern in den Ohren, also Musik schlafen gelegt habe. Ich spule also meinen Mp3-Player zum letzten Lied zurück. Haha ! Ich höre ja gerne Ambientmusik. Manchmal kommen da komische Laute unter anderem auch Tierlaute vor, so wie in diesem Lied. Es war also Affengebrüll aus meinem Kopfhörern was mich aus dem Schlaf riss. Ich kriege einen schönen Lachanfall und bin zugleich beruhigt. Alex kann erst am nächsten Morgen darüber lachen. :mrgreen:

Am nächsten Morgen ist alles nass, obwohl es nicht geregnet hat. So lange sich die Sonne nicht zeigt, bleibt es relativ kühl. Wir sind über die Gewissheit am Abend in Krasnojarsk zu sein, sehr erfreut. Am Nachmittag erreichen wir schließlich diese Stadt. Bis dahin kamen wir auf den letzten 70 km noch ordentlich ins Schwitzen!

Das mit dem Blog muss ich leider splitten und kann wohl erst in Ulan-Udee weiterschreiben, quasi in ca. 8-10 Tage, da wir morgen Irkurtsk verlassen werden. Bis zur mongolischen Grenze sind es nur noch ca. 750 km, das ist echt nicht viel. Wir werden die kommenden Tage einfach wenig am Baikalsee entlangradeln und auch mal den großen Zeh ins Wasser halten. In Ulan-Udee holen wir uns unsere zweiten Reisepässe mit dem Mongoleivisum ab. Diese sind bereits dort, hatten heute Rücksprache.

Viele liebe Grüße

Alex und Arne

 
 
 

3 Kommentare zu “Von Novosibirsk bis nach Krasnojarsk”

  1. georf
    18. August 2012 um 11:29

    Es ist schön, dass es euch gut geht. Eure Karte ist mittlerweile auch bei mir angekommen.

    Wie ist denn eure genaue Zeitplanung jetzt? Könnt ihr darüber mal einen Artikel verfassen? Wann müsst ihr aus Russland raus sein, bzw. wann in Thailand? Wann geht euer Flug und so, falls es schon feststeht.

    Hier in Deutschland verfolgen wohl eine ganze Menge Leute euren Blog und reden über eure Erlebnisse. Also lasst es euch gut gehen.

  2. Arnes Mutti
    19. August 2012 um 08:36

    Es ist so schön,mal wieder was von dir zu lesen.Dein Schreibstiel übertrumpft den meinigen,aber paar bunte Smarties im Kopf muss ich dir vererbt haben.Hab mein Handy verloren.Bin jedes Mal gerührt,von der Herzlichkeit dieser Menschen,denke solche Offenheit und Unkompliziertheit ist nicht zu toppen.Da können wir nur von lernen,halte meine Tür jetzt auch für alle Menschen offen,kommt blos keiner vorbei.Alles andere per Handy.Ich hab dich lieb und wenn du wieder kommst,möchte ich ein handsigniertes Buch von dir haben. Deine Mama.

  3. Helga und Manfred Trümer
    26. August 2012 um 18:22

    hallo,ihr wagemutigen Radfahrer.
    Unsere Enkeltochter Uta (Lindeke) erzählte von eurer bewundernswerten Reise. Seitdem lesen wir die Reiseberichte mit viel Freude und voller Hochachtung.
    So senden wir viele liebe Grüße, verbunden mit den besten Wünschen für die kommenden Etappen.
    H.+M. Trümer aus Zepernick