Von Kazan nach Novosibirsk – Teil I

Losgefahren in Kazan sind wir am 06.07.2012, nachdem wir uns bei MC Donalds einen letzten Kaffee genehmigten, letzte Postkarten schrieben und einwarfen. Dieser erste Tag der Weiterfahrt sollte sich von der Motivation die er fuer uns mit sich brachte, kuenftig wiederholen. Zusammenfassend kann ich jetzt schon sagen, die Strecke von Kazan nach Novosibirsk war bisher fuer uns die groesste koerperliche aber vor allem auch mentale Herausforderung. Ein jeder hatte seinen eigenen persoenlichen Tiefpunkt dabei durchlebt. Wem der Text zu lang ist, dem sei gesagt, uns geht es gut, wir sind in Novosibirsk.

Russland ist toll.

Also los gehts… .

In Kazan aufgebrochen, begegnet uns schon am Stadtausgang ein gigantischer Berg den es zu ueberwinden galt, der uns sozusagen von dieser schoenen Stadt mit ihren tollen Erlebnissen verabschiedete. Es war heiß und nach ein paar Kilometern waren wir bereits durchgeschwitzt. Die Reifen klebten auf der Straße, man kam nicht so recht voran. Bereits bei der Mittagspause stellten Alex und ich fest, dass wir beide nicht so recht Lust hatten auf diesen Tag. Vielleicht war man zu verwöhnt gewesen von den müßigen Tagen in Kazan. Eij, jai jai….das kann ja noch heiter werden. Am frühen Abend sehen wir uns auf einer kleinen Straße hockend wieder und essen unsere letzten Vorräte. Der Körper verlangt sein täglich Zucker! Gesprochen wird wenig. Der letzte Zipfel Brot wird in Marmelade getunkt und aufgegessen, noch einen Bissen mit Marmelade und es geht „endlich“ weiter.

Ich kann euch sagen, unsere Laune war bei der letzten Rast auf gut Deutsch richtig beschissen und zu guter Letzt verwandelte sich die kleine Asphaltstraße in einen Feldweg. Fester, klumpiger Boden aus roter Erde. Es fährt sich überaus holprig darauf. Kann es denn noch schlimmer kommen? Warum nur? Denkt man sich. Am liebsten möchte man irgendetwas dafür bestrafen, dass es so ist wie es ist (ein Gefühl was sich an den folgenden Tagen täglich einschleichen soll). Toll.

Plötzlich taucht neben mir ein Lada auf. Der Fahrer drosselt seine Geschwindigkeit auf meine und kurbelt das Fenster herunter. Die üblichen Fragen woher, wohin des Weges und dergleichen dringen zu mir rüber. Ich gebe mir Mühe nicht genervt oder mürrisch zu antworten, er hat mir ja nichts getan und ist für diesen Weg ja auch nicht verantwortlich. Schließlich meint ‚Ischim‘, so sein Name, er fahre voraus, um im nächsten Ort auf uns am Straßenrand bei seinem Kumpel, wo wir auch schlafen könnten, zu warten. Er fährt los, hält jedoch nach kurzem wieder an, steigt aus seinem Wagen und meint wir können doch die Räder bei ihm reinwerfen und statt zu seinem Kumpel im nächsten Dorf zu fahren, könnten wir zu ihm nach Hause düsen, er wohne ja nur 70 km weit weg. Erschöpft und genervt, wie wir von diesem Tag waren, kam uns dieses Angebot gerade recht.

Etwas was sich wie ein roter Faden der Hoffnung durch diese Reise zieht: Immer dann, wenn es schlimmer nicht mehr geht, ändert sich die Situation schlagartig zum Guten. So wie in diesem Augenblick. Ischim öffnet den Kofferraum. Alles voller Schoten. Der Kofferraum ist bis oben mit diesem Grünzeug vollgestopft. Wir entladen unsere Räder, und verstauen diese sowie unser Gepäck auf die Rücksitze und in den „Schotenkofferraum“. Die Kofferraumklappe ist nur noch unvollständig mit unseren Gummispanngurten zu schließen. Platz für mich und Alex ist nur noch auf dem Beifahrersitz vorhanden. Da wir uns nun aber bereits 3 Monate kennen, macht es uns nichts aus, dass ich die 70 Kilometer auf seinem Schoss verbringe. :mrgreen:

Ischim fährt an, hinter uns eine beständige rote Staubwolke die das Auto und unsere Klamotten einsaut, da der Kofferraum ja nicht richtig geschlossen ist. Den Großteil der Zeit halte ich meinen Kopf zum Fenster raus, denn das Auto ist innen mit Abgasen gefuellt. Alex und Ischim tränen die Augen. Ischim muss zweimal anhalten um die Fahrkabine zu lueften. Hätte der liebe Gott uns da unten auf dieser einsamen, roten Sandstraße gesehen, wie wir in diesem mit Rädern, Gepäck und grünen Schotenpflanzen überfüllten Auto herumfuhren, welches die rote Staubwolke hinter sich herzog, er wäre doch erheitert gewesen, dessen bin ich mir sicher.

Die Fahrt wird von einer herrlich untergehenden Abendsonne begleitet, welche bei Ankunft bereits verschwunden ist. Da Ischim ein paar Brocken Englisch spricht und zudem unser schlechtes Russisch versteht, sind rudimentaere Gespräche über all das Wichtige im Leben zwischen uns möglich. Ischim ist 27 Jahre alt, arbeitet auf dem Bau, besitzt seinen eigenen Lada-Wagen und wohnt bei seiner Mutter, die uns abends herzlich in Empfang nimmt und zudem den Abendbrottisch reichlich und lecker für uns gedeckt hat. Mit Suppe und schmackhaftem Reisgebäck stillen wir unseren Hunger. Beide sind Muslime. In dieser Gegend ist der muslimische Glauben, genauso wie in Kazan die bestimmende Religion, weshalb man auch überall kleine, wohl eher improvisierte Moscheen sieht. Auf den Friedhöfen sind Gräber mit dem Halbmond zu erkennen.

Es ist mittlerweile nach 22 Uhr und Ischim besteht darauf uns die Stadt zu zeigen und uns seinen Freunden vorzustellen. Dieses „Freundevorstellen“ glich eher einem „Schaut mal her was ich hier auf dem Heimweg aufgegabelt habe. Zwei Deutsche“. Insgesamt fuhren wir zu drei Parteien seines Bekanntenkreises. Immer stiegen wir aus, blieben am Lada stehen, rauchten eine Zigarette, er erzählte schon fast geheimnisvoll prahlerisch, dass wir Deutsche sind. Immer glaubten es die anderen zuerst nicht, also mussten wir immer ein bisschen Deutsch vor ihnen reden. Ischim war stolz. Zum späten Abend fuhren wir noch einmal zu einem Fluss stiegen dort aus und beobachteten den Vollmond, welcher als großer goldgelber Fleck über dem Wasser stand. Ein kleiner Moment der Besinnung und Verarbeitung des anstrengenden Tages. Es geht zurück zu ihm nach Hause, die Mutter schläft bereits und wir kriegen als Schlafplatz sein Bett angeboten, er schläft auf der Couch.
Morgens aufgewacht hält Alex schon wach, mir freudestrahlend meine Kamera vor Augen „Arne guck mal!“, zeigt mir ein Foto von einem Huhn auf einer Couch. Beim genaueren Betrachten sehe ich, dass das Huhn auf unseren Anziehsachen (Hose,Jacke) saß. Ischim sagte wir sollten es nicht stören, es würde ein Ei legen. So geschah es dann auch. Das Huhn brütete was aus. Kurz darauf kam auch noch die kleine Hauskuh in den Flur hereingeschlichen ! Ischim scheuchte sie schnell hinaus. Da das Waschwasser im Haushalt zur Neige ging, fuhr uns Ischim zu einem See wo Alex und ich mich „duschen“ konnten. Waehrend wir so wie uns der Storch einst auf die Erde gebracht hat, in die Bruehe sprangen, sassen ein paar Angler drum herum, Bierdoesen- und Flaschen zierten den Uferbereich. Es ging zurück, Abschied nehmen war angesagt.

Anders als man es hätte, von der Russlandkarte die wir besitzen, annehmen können, ist auch dieser Tag bergig. Zudem zeigt sich einer unser schlimmsten Feinde: Gegenwind. Da nützt es einem auch nicht, wenn die Landschaft ansprechend ist. Gegendwind ist eine mentale Marter !
Abends ein kleiner, dafür superteurer Einkauf in einem Supermarkt. Gut 95 % unseres Reisegeldes verprassen wir für Lebensmittel. Leider sind wir fast immer hungrig, vor allem Alex 8-).

Abends gibt es Unterkunft neben einem Kartoffelfeld auf einem Hinterhof. Als Gastgeschenk erhalten wir morgens bestimmt an die 2 kg Gurken. Etwas was wir nicht so sehr brauchen, leider. Die Gurkengeschenke werden sich in den naechsten Tagen mehren, was wir bis dahin noch nicht wussten. Über kleine Kleckerdoerfer fahren wir am nächsten Tag. Der Gegenwind ist immer noch da, aber abnehmend. Gänseherden die eigentlich in jedem Dorf vorkommen, tummeln sich unter abgestellten Autos, um sich vor der Sonne zu schützen. Manchmal würde ich mich gerne dazu gesellen, so heiß kann es sein. Menschen sieht man kaum. Zuerst fragen wir hinter einer Ortschaft nach dem Weg. Ein Mopedfahrer hält an, vielleicht 15 Jahre alt, auf dem Rücksitz hockt der Vater der schon gar nicht mehr unsere Anwesenheit wahrnimmt und in seiner eignen Welt lebt und wohl die allergrößten Abenteuer mit Buttel in der Hand durchlebt. In seiner einen Hand nämlich eine Tüte mit Flaschen, mit der anderen hält er sich am Sohn fest. „Das ist Russland“ (это руссиа) haben wir beide uns mittlerweile angewöhnt, in seltsamen Momenten wie diesem zu sagen. „Das ist Russland“ sagen wir bis heute noch ganz oft :mrgreen:.

Der Ackerweg nach welchem wir gefragt haben und der schon gar nicht mehr in der Karte verzeichnet ist, scheint tatsächlich der richtige zu sein. Auf diese Art und Weise fahren wir gut 20-30 km durch tollste Feldwege. Die Landschaft ist urtümlich. Die Sonne scheint, Getreideähren beugen sich zu beiden Seiten auf den Feldweg herab. Schwalben fliegen umher. Ein Bild wie wir es uns beide noch vor Antritt der Russlandtour vorgestellt hatten.

Spät am Nachmittag finden wir uns in einem kleinen Straßencafe ein. Das junge, hübsche Mädel hinterm Tresen fragt, nachdem ich die Bestellung (zwei mal Soljanka bitte!) aufgab, ob wir Englisch sprechen? Natürlich. Es kommt zu einer kleinen Unterhaltung. Sie erzählt uns, dass sie Englisch als Sprache an der Universität studiert und später Kinder unterrichten wird. Sie wird wohl noch ein paar Jahre gut studieren müssen, denn ihr Englisch war mehr als bescheiden ! Nach dieser Rast durchfahren wir große Waldstücke auf der Hauptstraße. Die Landschaft ändert sich. Ich erwische Alex mit einem düsteren Gesicht auf mich an einer Kreuzung wartend. Seine Kamera ist kaputt. Er machte halt am Straßenrand um ein Foto aufzunehmen, während ein LKW ihn um Haaresbreite überholt, dabei fiel er und Kamera hin. „вляяяяяя“ sagt man dazu in Rußland. Eine Entsprechung zum deutschen „Scheiße“.

Eine überaus ärgerliche Sache. Von dieser Kreuzung geht eine kleine Straße in einen Miniort ab. Dort wollen wir nächtigen. In einem kleinen Magazin wo wir Proviant für den Abend einkaufen unterhalten wir uns mit der Verkäuferin und ihrer Mutter, der kleine Enkel ist auch dabei. Beide sind total begeistert davon, dass sie zwei Deutsche im Verkaufsladen haben. Eine Nachbarin kommt hinzu und die drei sind die ganze Zeit am Rumgackern,Lachen und Witzeln. Jedes Mal wenn Alex oder ich den Mund zum Sprechen öffnen, schmeißen sie sich weg. Ich dachte schon, dass sie was vom vielen Cannabis der hier überall wächst, verkonsumierten. Wir fahren weiter durch den Ort, kleine Kuhherden werden zu den einzelnen Grundstücke eingetrieben und fragen schließlich bei einem Gehöft nach. Die Frau wollte nicht so recht, dass wir auf ihrem Hof zelten und führte uns auf eine große Wiese gleich nebenan. Zwei große Bullen waren hier angeleint und „Muhten“ in einer Tour, außerdem führte ein Wassergraben, der mehr aus Jauche als aus Wasser bestand, hier entlang. ‚Nein danke‘, hier wollten wir partout nicht schlafen, Kuh und Wassergraben sagten uns nicht zu. Wir fuhren zurück, fragten im Magazin bei den verrückten Frauen nach. Die Oma brachte uns zu ihrer Freundin, beide zusammen haben auch wieder die ganze Zeit krampfhaft gelacht. Wir wissen nicht warum. Es war komisch. Wir durften dann hinter dem Haus gleich neben einem Futterrübenacker unser Zelt aufschlagen.

Am folgenden Tag geht es gen Ufa. Mittagsrast halten wir in einem kleinen „Gänsedorf“ ab. Gänsedorf deswegen, weil hier wohl jedes Haus seinen eigenen kleinen Gänsestaat beherbergt. Sie sitzen und laufen überall in kleinen Herden herum. Stellen sich uns in den Weg. Ganz Mutige pfauchen uns gar an und spreizen die Flügel. Bei unserem Hunger können sie sich glücklich schätzen, nicht von uns aufgefressen zu werden. Wir machen halt vor einem Magazin. Kaufen unsere Grundnahrungsmittel Weissbrot, Käse, Schmelzkäse, Dosenfisch, Fleischpastete, Zwiebel, Mais ein und fangen auf der Steintreppe vor dem Magazin an uns auszubreiten und zu schlemmen. Kunden müssen über uns herübersteigen, um ins Magazin zu gelangen, nehmen es aber mit Humor.

Abends erreichen wir nach langer Fahrt Ufa. Diese Stadt weiß ich, hat mich damals als junger Gymnasialschüler immer fasziniert. Wie kann eine Stadt nur ‚Ufa‘ heißen? Ein Stück weit ausßerhalb der Stadt fragen wir nach Unterkunft. Dunkelheit hängt in der Luft und will sich ausweiten. Eine Familie die wir ansprechen können uns keinen Platz gewähren, wissen aber eine gute Zeltstelle. Der Mann schnappt sich sein Fahrrad und fährt mit uns dahin. Vorher machen wir kurzen Halt an einer Magazinbude, wirklich nur eine Bude. Als Kunde steht man draußen und gibt seine Bestellungen durch das Fenster. Innen drinnen saß eine Frau eingehüllt in einem gelben Poncho mit braunen Blumenmustern. Sie war so erstklassig dick, dass sie sprichwörtlich den gesamten Innenraum ausfüllte und wie ein an seinem Platz festgeschraubter Roboter nur ihre Arme bewegte um die einzelnen Waren zu ergreifen und schließlich durch die Fensterlucke zu reichen.

Wenn ich heute an diese Frau denke, muss ich gestehen, dass sie wirklich riesig war und das Magazin winzig. Die Auswahl war bescheiden. Es gab nicht mal Milch. Richtiges Brot war nicht vorhanden. Kekse, eine Dose Fisch und Streichkäse die Ausbeute. Wir fuhren dem Mann hinterher, der uns kurz hinter dieser Häusersiedlung an das Ufer eines Tümpels führte. Dieser war gleich neben der Hauptstraße gelegen. Dampf stieg von seiner Wasseroberflaeche empor. Undefinierbarer Schlick schwamm als Trub herum. In dieser Plörre koennten wir uns auch morgens duschen, meinte der Mann nett dabei. Wir sagten ihm, alles gut, wir bleiben hier, bedankten uns und warteten bis er wegfuhr. Das taten wir anschließend auch.

Wir fuhren während es schon dunkel war gen Ufa. Am Stadtrand versuchten wir in einer Siedlung erneut unser Glück. Doch niemand gewährte uns armen, mittlerweile arg verdreckten und durchgeschwitzten Radlern eine Unterkunft oder Platz zum Zelten. Einen Tag später bemerkten wir, dass die Zeit mittlerweile zwei Stunden weiter sei und wir die Menschen somit zwischen 0-2 Uhr nachts gefragt hatten. Wir zelteten neben einem Waldstück am Stadtrand. Tranken ein Bier, riefen in Deutschland an um Tim Krömer zum Geburtstag zu gratulieren (und hatten vielleicht ein wenig Sehnsucht auch zu diesem Zeitpunkt mit unseren Freunden am Rostocker Stadthafen gesellig beisammen zu sein) und erhielten wenigstens einen schönen Blick auf die Stadt, da wir auf einem Berg saßen.

Morgens das Zelt abgebaut und schnell in die Stadt gefahren. Mittlerweile weiß ich dass der Stadtname Ufa für „Ultimative-Frauen-Ansammlung“ stehen muss. Was hier auf ufaischen Straßen am helligten Tage in kurzen Sommerröck herumlief :mrgreen: (immerhin mal wieder ueber 35 Grad) raubte uns die nötige Konzentration für den Straßenverkehr, welcher massiv vorhanden war.

Gulnara, die Frau aus Kazan die uns so viel half, hat für Alex einen Kameraladen in Ufa ausfindigt gemacht, wo er seine Kamera neu erstehen konnte. Prima – doch leider auch wieder ueber 200 Euro die einfach mal weg sind! Nachmittags besorge ich in einer Poststelle für uns noch Briefmarken, während Alex bei den Rädern verweilt. Es ist heiß und meine Laune schwindet nachdem ich 25 Minuten warten muss um überhaupt mit der Dame am Schalter sprechen zu können. Das alt bekannte Problem: Ich will nur Briefmarken kaufen. Ich kann von Glück schreiben, dass in der Schlange hinter mir eine Frau stand die sich als Dolmetscherin anbot. Mit vereinten Kräften und nach insgesamt weiteren 15 Minuten hielt ich dann die 20 Briefmarken einzelnd in der Hand. Ein Moment des Triumphes ! Nebenbei, in dieser Post war es, wo ich dann mitbekam dass es anstatt 16 Uhr bereits 18 Uhr ist.

Nach drei Stunden der Fahrradfahrt, wobei wir Ufa verlassen, finden wir uns in einem kleinen Ort wieder. Heute wollen wir unbedingt irgendwo eine häusliche Unterkunft erhalten, da es unser sehnlichster Wunsch ist, unsere Körper sowie Klamotten zu waschen! Nach ein paar Fehlversuchen öffnet uns ein älterer Herr die Pforte zu seinem Grundstück. Er war gerade dabei draußen Holz mit einer Säge zu bearbeiten. Seine Nase ist plattgedrückt, der Nasenknochen scheint zu fehlen, auf der Stirn eine großes Narbenloch – sieht alles nach schlimmen Unfall aus. Wir waschen uns draußen mit Warmwasser unter dem Gartenschlauch und freuen uns riesig. Irgendwann kommt seine Tochter aufs Grundstück. Ich hatte die Tochter bereits bei unser Durchfahrt durch den Ort gesehen und geglaubt ein kleines Mädchen laufe über die Straße, dabei war sie schon 32 Jahre alt. Und dann endlich kommt seine Frau durch das Hoftor in einer reinster Heiterkeit. Schon beim ersten Händedruck ruft sie uns freudig „Essen, Essen“ „Guten Tag“ zu und lacht dabei. Das nenne ich doch mal eine Woge von Sympathie – jedoch ein wenig komisch kam es uns schon vor. Wir finden uns alle in der Küche ein, die Tochter hat eine kleine Flasche Vodka (o,5 Liter) gekauft, die Frau hat Fisch und Huhn gekocht und deckt uns allen auf. Die zwei Kinder der Tochter tollen auch umher. Die Stimmung ist gut und begierig schlemmen Alex und ich. Da wir zu fünft sind, ging die Flasche auch schnell zur Neige und es blieb dabei.

Während des Essvorganges fällt mir auf, dass die Frau, die neben mir saß, Alex beim Essen des öfteren hart mit ihren Augen fixierte. Alex bemerkte dies, und ich wusste dass er das merkte, ich wusste auch, dass er sich also das Lachen verkneifen musste, ich daraufhin ebenso.
Schweiß tropfte ihr alsdann von der Stirn. Sie fing irgendwann zu lallen an und stieß mit ihrem leeren Glase an. Ich konnte mir das nicht erklären, wie konnte sie auf einmal so betrunken werden?!

Ungelogen…auf einmal kam die Katze zur Küchentür herein und legte eine tote Ratte zur Schwelle nieder. Der Mann brachte dann die Frau zu Bett, weil sie anfing für uns unverständliches, ja wohl wirres Zeug zu reden. Alex war angespannt, da er sich einen Lachanfall die ganze Zeit verkniff. Es war mir eine Freude ihn zu sticheln mit meinem Vorschlag, mit der Frau doch weiterzutrinken. Wir nahmen diesen kleinen Zwischenfall recht heiter auf und gingen schließlich auch zu Bett.

Am nächsten Tag, die Frau schlief noch, verabschiedeten wir uns von dem Mann und fuhren gen südliches Uralgebirge. Bei herrlichem Sonnenschein nahmen uns die ersten Anstiege in Empfang. Es war ein heißer Tag. Es war körperlich anstrengend, wir tranken sehr viel Wasser. Und doch war uns der Landschaft wegen, kein Berg zu schade. Herrliche Kiefern- und Tannenwäldern zu beiden Seiten, auch Birken sieht man. Hier und dort ein kleines Rinnsal oder gar ein kleiner Fluss der zu Tale fließt. Alles in allem brauchen wir drei Tage um durch den Ural zu fahren. Währen wir weiter nördlich passiert, wäre die Überquerung wohl durch noch höhere Berge schwieriger und länger ausgefallen.

Auffällig ist, dass wir zum ersten Mal nun täglich viele deutsche Autofahrer auf den Straßen sehen. Die erste Nacht verbringen wir auf einer Wiese mit Tannen und Kiefern um uns herum. Es ist bereits nach 23 Uhr und immer noch mäßig hell. Richtig dunkel wird es erst nach 0 Uhr. Ein wilder Hund verliess unseren Zeltplatz als wir hier auftauchten.

Es ist mittlerweile der 12.07.2012 und es gibt noch mehr Berge. Die Sonne brennt immer noch ordentlich, sodass der Asphalt zum späten Nachmittag einen flüssigen Teerfilm auf sich traegt. Abends wieder zelten auf einer Wiese, gleich nebenan ein Tagebau. Schnell müssen wir unser Gepäck dabei entladen um nicht von Bremsen aufgefressen zu werden. Ohne Moskitohüte würde hier nichts gehen. Die Bremsenplage verschärft sich noch die Tage. Nachts piepen die LKWs und man hört das Knallen der Luken.

Am folgenden Tage passieren wir die geografische Grenze zwischen Europa und Asien. In einem kleinen Tankstellencafe ist es die stämmige Kellnerin die uns sagt, in 100 Metern kommt der Grenzstein. Wir schauen draußen nach und tatsächlich. Nach etwa 100 Metern und einem kleinem Rammschstand kommt eine Steinsäuhle wo „Asien“ draufsteht. Sehr unscheinbar das ganze. In diesem Cafe läuft ein kleiner Mopps (Hund) herum. Er trägt dabei eine vollgemachte Windel. Er gehört der Besitzerin.

Zuvor hatten wir auf der Straße einen Radfahrertrupp aus Taiwan getroffen. Zwei Thailänder und eine in Taiwan lebende Französin machen sich von Peking aus auf dem Weg nach Italien. Wir unterhalten uns gut 45 Minuten neben der Straße, tauschen Internetadressen aus und machen ein Gruppenfoto. Die beiden Thailänder haben Elektrotechnik studiert und damit ein Klischee erfüllt. Es ist auch keine Mär, dass sehr viele Russen die wir hier bisher kennengelernt haben, Informatik studierten bzw. studieren.

Endlich passieren wir die Grenze zu Asien und sind nun offiziell im geografischen Asien. Von Reis und Stäbchen fehlt wohl noch die kommenden 9000 km jede Spur. Neben der Straße taucht ein See auf, wo wir nicht nur baden gehen sondern uns gefühlt auch waschen. Das Wasser ist herrlich warm. Ein Vater bittet mich darum, dass er ein gemeinsames Foto von mir und seinem Sohn machen darf. Gerne doch. Nach dieser Abkühlung, kaufen wir uns im naechsten Ort Essen ein, heben Geld ab, was wieder einmal zur Neige gegangen ist und finden im Kieferwald neben der Hauptstraße eine gute Stelle zum Zelten. Auf weichem Waldmoos schlagen wir das Zelt auf. Neben uns eine kahle Fläche wo wohl letztes Jahr ein Waldbrand gewuetet hat. Die Nacht ist ruhig und quasi mückenfrei (sowas muss betont werden). Ab und zu donnert ein LKW die Hauptstraße entlang, und dann plötzlich ein Lauter Knall, da ist soeben ein Reifen geplatzt.

Wir erreichen am kommenden Tage die nächste große Stadt „Tscheljabinsk“. Die 90 km dorthin waren, obwohl das Gelände mittlerweile wieder flach ist und wir den Ural verlassen haben, anstrengend, da es die Hitze ist, die einem gehörig zusetzt. Wir sind einem Sonnenstich gefühlt sehr nahe. An diesem Tage geht auch meiner neuer Sattel aus Kazan zu bruch (wer billig kauft – kauft eben zweimal). In der Stadt angekommen lassen wir uns in einem Mc Donalds nieder. Während wir unseren Kaffee trinken und unser Eis essen, beginnt draußen ein gewaltiges Unwetter. Drei Stunden sind wir hier „gefangen“. Blitz und Donner, Regen in Unmengen. Hier lernen wir Sergeij und Michail kennen. Michail spricht gutes Englisch. Nach dem Unwetter bringt er uns zu einen Fahrradladen seines Bekannten. Unscheinbar und versteckt in einem Ghettowohnbezirk. Ich kaufe mir einen neuen Sattel, Alex ebenso, da seiner an Fahrkompfort eingebüßt hat und seinen Allerwertesten mehr zerstört als schont. Schließlich fragt uns Michail, wo wir gedenken zu schlafen. Da wir planlos in dieser Hinsicht waren, bot er uns an, bei seinem Bekannten, dem Dimi, zu schlafen. Wir fahren zu viert zu Dimis Wohnung welcher gerade von der Arbeit kam. Dimi wohnt auch in einem großen Block, hat seine Wohnung im obersten 12 Geschoss, die Fahrstühle sind wegen Stromausfalls ausgefallen. Also müssen wir Räder und Gepäck in mehreren Etappen hochschleppen. Freude kam hierbei nicht auf, aber jede Menge Schweiß. Da saßen wir nun in Dimis Wohnung zu fünft. In einem riesigen Bezirk der Stadt war Strom ausgefallen und auch das Wasser lief nicht, weswegen wir uns auch nicht duschen konnten. Als es dunkel wurde, glich dieser Bezirk einer Geisterstadt. Nirgendwo ein Licht. Ab und zu sah man vom Balkon aus hier und dort eine Zigarette aufgluehen oder wie andere Wohnparteien sich mit Taschenlampenlicht zurecht fanden. Der Strom kam erst am naechsten Morgen wieder. Wir sassen so gut 3 bis 4 Stunden in der Küche beisammen und unterhielten uns. Als seien wir schon immer mit einander bekannt gewesen. Wieder eine skurrile Situation für uns. Man trifft wildfremde Menschen und kurze Zeit später sitzt man bei denen zu Hause und führt einen freundschaftlichen Plausch. Natürlich hat man uns viele Frage über Deutschland gestellt. Ob es wahr ist, dass die Deutschen immer und zu jeder Zeit so viel Bier trinken? Dimi schenkte uns, warum auch immer, einen kleinen Stapel Postkarten vom Bernsteinzimmer. Allesamt hässlich, aber wir freuen uns riesig wieder Postkarten zu besitzen, da dies ja Mangelware in diesem großen Land ist.

Als wir zu Bett gehen, sorgen wir diese Nacht für ein wenig Abwechslung, da ich auf dem Boden schlafe und Alex bei Dimi im Bett mitliegt. :mrgreen:

Am nächsten Morgen frühstücken wir bei MC Donalds, indem wir uns einen Kaffee bestellen und unsere eigenen Esssachen auspacken. Niemand stört sich daran. Ein Mann steht mit seinem Sohn auf um zu gehen, vergisst hierbei seine Tasche, ich laufe zum Fenster und klopfe, bedeute ihm, dass er seine Tasche hat liegen lassen. Er bedankt sich riesig. Am gleichen Tage verliere ich beim Betreten eines Magazins meinen Mp3 Player (auch all meine Tagebuchaufzeichnungen). Ich merke dies erst 15 Minuten später und suche den Platz vor dem Magazin wo Menschen langgehen ab und finde ihn Gott sei Dank wieder. Man hätte ihn einfach einstecken können. Karma?

Obwohl wir erst recht spät in Tscheljabinsk losfuhren, schaffen wir innerhalb von 5-6 Stunden doch noch die 145 km. Zum Abend durchqueren wir eine Art Kuhdorf. Hier ist die Zeit wieder einmal stehen geblieben. Ich sehe das russische Äquivalent zur deutschen Gänsenmarkt, als ein bildhübsches Mädchen mit zwei Kühen über die sandige Dorfstraße geht. Einen kleinen dicken Jungen auf Fahrrad frage ich nach dem Weg zum nächsten Magazin. Der kleine sieht mit seinem gelben T-Shirt ein wenig aus wie eine große, dicke Biene. Über einen improvisierten Holzsteg gelangen wir in das Dorf. Kühe weiden zu beiden Seiten auf trockenem Wiesengrund. Pferde stehen hier und dort frei herum. Ihre Vorderläufe sind zusammengebunden, sodass sie nicht davonlaufen können. Der Weg ist fein sandig und schwierig zu befahren, man muss manches Mal absteigen. Das Dorfmagazin ist endlich erreicht, das Nötigste wird eingekauft und weiter geht es. Am Straßenrand taucht das Schild ‚Cafe‘ auf und wir sehnen uns nach einer warmen Suppe. Von außen würde man dieses Cafe eher als verkommenes Wohnhaus deuten. Drinnen sitzt eine rüstige Frau und näht. Neben ihr ein junges Mädchen welches Trickfilm schaut. Ein Ventilator läuft. Soljanka hat man nicht, aber eine Art Gulaschsuppe.
Alex und ich sind uns einig, dass es diese Gulaschsuppe war, die uns beiden fast zwei Wochen Durchfall bescherte. Denn morgens nach dem Aufstehen und Zeltabbauen fings es bei uns zeitgleich an… .

Wie sehr Fahrradfahren Spaß macht, wenn man von Durchfall geplagt ist, mag man sich wohl vorstellen und bedarf keiner weiteren Erläuterung. Zudem brennt die Sonne noch, überall fliegen Bremsen herum, die nur darauf warten einen in den Mors zu stechen, man fühlt sich schwach und kommt deswegen nur schlecht voran. Unsere Laune nimmt von diesem Tag an beständig ab und sinkt zeitweilig ins bodenlos. Am gleichen Tage habe ich mir an einer Konservendose noch prima tief in den Kleinfinger geschnitten. Wir zelten abends wieder und sehen zum ersten Mal einen Rehbock. Das erste Wild was wir auf unserer Reise zu sehen bekamen. Was ein bemerkensweter Umstand ist. Russland ist eben so gross, dass sich das Wild noch weit in menschenleere Gebiete zurueckziehen kann.

Unsere Nahrung an diesem Abend Weißbrot und Salzcracker eingetaucht in Babybrei den wir uns gekauft haben. Alex ging es mittlerweile besser, mir nicht. Deshalb mussten wir am nächsten Tage relativ früh Schluss machen. Gegen 18 Uhr schlugen wir unser Zelt wieder mal in einem Birkenwald auf. Ich bin ziemlich erledigt und mag nicht mehr. Unsere Laune ist beiderseits rapide gesunken. Die Landschaft trägt dazu bei. Immer das gleiche Bild. Acker, ein bisschen Wiese und Birkenwälder ! Birkenwälder…Birkenwälder! Und dazu unsere dreckigen, durchgeschwitzten Sachen sowie Körper, man möchte raus aus dieser Haut !

Am nächsten Tag mache ich kein Geheimnis draus und sage zu Alex, dass ich eine Unterkunft brauche um mich auszuruhen. Zur nächsten Stadt mit Billighotel sind es noch 60 km. Die haben es in sich ! Um jeden Meter muss ich kämpfen. Die Beine fühlen sich wie Brei an. Unsere Ernährung war die letzten Tage auch vollkommen Proteinarm. Nicht sehr förderlich. Unsere Oberkörper sind sowieso in den letzten drei Monaten gut atrophiert. Beine ebenso schmarl.

Auf dieser Strecke verliere ich meinen geliebten Hundestock, einst 5000 km entfernt vom Schwarzmeerstrand, Ukraine mitgenommen. 😥
Als wir in der kleinen Stadt ankamen bin ich absolut alle, jeder Meter wird zur anstrengenden Überwindung. Alex unterhält sich mit einem Autofahrer, welcher uns den Weg zeigt. Der Autofahrer heißt Wladimir. Wir verabreden uns zum Abend mit ihm. Er hat uns zu seiner Sauna eingeladen. Am frühen Nachmittag checken wir im „Billighotel“ ein, 50 Euro für uns beide und packen uns nach einer Dusche in die Betten. Nicht nur ich, auch Alex ist erledigt. Abends 20 Uhr holt uns Wladimir mit seinem Kleinbus zu sich ab. Um ehrlich zu sein habe ich den Saunagang bei über 30 Grad Außentemperatur dieses Mal nicht genossen und beschränke mich nur auf einen Gang. Nach ein paar Tassen Tee und ein paar Gesprächen fährt er uns durch die Stadt. Wir machen halt vor einem Fotogeschäft, wo sein Kumpel arbeitet. Hier gibt er drei Trinktassen in Auftrag, die mit einem Gruppenfoto welches wir 30 min zuvor aufnahmen, bedruckt wird. Damit haben wir nicht gerechnet. Ein schönes Russlandandenken !

Irgendwann bringt er uns zurück zum Hotel wo uns der betrunkene Hotelwart aufschließt. Am nachsten Tag geht es mir schon besser. Wir fahren weiter. Unterwegs habe ich eine Speiche zu reparieren. Wieder ist es die monotone Landschaft die uns sehr zusetzt. Wieder zelten wir abends in einem Birkenwald. Wieder nerven uns die Mücken. Wieder ist das Essen das gleiche. Schmelzkäse wird zukünftig, so haben wir es beschlossen, von heimischen Esstisch verband, wir können keinen Schmelzkäse mehr sehen. Wir haben auch schon alles durch, Schmelzkäse mit Steinpilz- oder Champion-, mit Schinken- oder Extrakäse- oder Gurken- sowie Dillgeschmack.

Zwischen 130 und 150 km fahren wir die täglich. Wieder geht uns das Geld zur Neige, sodass wir den Tag darauf uns lediglich zwei Schokoriegel an einem Straßencafe kaufen können. Alex saust fast die Kinnlade runter. Weit und breit kein Geldautomat in Sicht. Der nächste 75 km weit entfernt versichert man uns.

Eij, jei, jei!

Doch wir haben etwas Glück und Alex kann in der Tankstelle eine Tafel Schokolade und Waffeln mit der Visakarte bezahlen. So richtig nahrhaft ist es aber nicht. Laune sinkt. Bei der Weiterfahrt hält ein Elektromonteur Alex an. Fragt ihn ob er müde sei…macht die Feststellung es ist heiß und dergleichen und schließlich fahren wir 70 km bei diesem Monteur mit in einem Kleinbus. Das kam uns wie gerufen. Es war heiß draußen und der Wind kam natürlich wieder einmal von vorne. Eine russische PoP-CD gibt uns der liebe Fahrer noch als Geschenk mit auf den Weg. Lustigerweise als Alex im Auto selber meinte, er müsse sich unbedingt noch eine Cd mit solcher Musik kaufen.

In einem Ort namens „Ischim“ angekommen holen wir Geld ab und lassen uns in einem Cafe nieder, Soljankazeit. Drinnen läuft die größte Rummel-Dorf-Techno-Musik aller Zeiten. Absolut nervenaufreibend. Die Besitzerin dachte auch gar nicht daran den Kram auf ‚leise‘ zu stellen.
Kein selten verbreitetes Phänomen.

Wir fahren nochmal gut 45 km bis wir als Schlafstelle einen Feldweg auserkoren haben. Zuvor unternahmen wir den Versuch direkt neben einem Friedhof zu zelten, aber der Untergrund war zu uneben. Vielleicht schaffen wir das ja mal in Zukunft zu realisieren. Ja jetzt standen wir direkt auf einem Feldweg aus hartem Lehmboden. Wir fanden nichts besseres. Bäume links und recht von uns, 20 Meter weiter beginnt ein Schotenfeld.
Mücken, Mücken, Mücken. Die reinste Plage.

Die ersten Minuten, wenn man einen Zeltplatz erreicht sehen ungefähr so aus: „Hier bleiben wir? Ja? Ok!“ Schnell Räder abstellen während man sich mit einer freien Hand über Arme, Hals, Gesicht und Beine streicht, weil alles von Mücken besetzt ist. Dann fängt man mit einer Art Tanz an, man muss ja immer in Bewegung bleiben, sonst stechen einen noch mehr Plagegeister, die Radtaschen zu öffnen um seine lange Hose und den Moskitohut hervorzuholen. Ich glaube ich werde mich noch in 20 Jahren an Alexs Flüche, die er hierbei ausstieß, erinnern. :mrgreen:
Zelt aufgebaut, sitzen wir nun da. Ständig das Summen der Muecken in den Ohren. Man schmiert sich eine Stulle, klappt das Netz vom Mückenhut hoch und nimmt einen Bissen. Gleich wird es dunkel und plötzlich sehe ich vom anderen Wegende eine weiße Gestalt auf einem Rad heranfahren. Das gibt es doch nicht !

Kann man nicht einmal seine Ruhe haben, abends 23 Uhr ???!!! Und vor allem, was macht ein Mensch ganz allein in solch einem Mückenland, am Ende der Welt. Es ist Nikita der der herankam. Wir quatschen ein bisschen, ich filme das ganze. Nikita ist freundlich. In seinen Adern fließt wohl der reinste Knoblauch oder er hat keine Nervenempfindung mehr, denn die Mücken scheinen ihm jedenfalls nichts anhaben zu können. Das juckt ihn nicht mal, dem Nikita. Sagenhaft. Er will noch mit seiner Handykamera mit jedem von uns ein Foto machen und verschwindet danach wieder, wo er herkam. Er war nett.

Wir gehen schlafen. Ich weiß nicht mehr ob es diese Nacht war, jedenfalls war es eine Nacht wo Alex aufwachte, ich aber schlief, und ihm ein daumengroßer Käfer über den Po krabbelte. Er wollte bei seiner Groeße kein Blutbad anrichten, wie er meinte, und musste ihn erstmal fangen (während ich immer noch schlief) um ihn schließlich durch die Zelttür nach draußen zu befördern. Ich bin mir sehr sicher, dass Alex in dieser Nacht sein Ameisenproblem hatte. Kurz nach dem Einschlafen, schrieh er auf. Licht angeknippst. Eine wirklich große Ameise (die war wirklich riesig 🙂 ) hat in seinen Arm gebissen, eine andere ihn angepinkelt. Nach dieser Ameisenaktion pennen wir weiter, denn dieses Mal bin ich auch aufgewacht. Ich bin im Traumland, feier gerade Silvester mit Thomas Gottschalk und einer Musikkapelle der Dorfpolizei (hatte wirklich diesen Traum), dann erwache ich,weil Alex mir auf den Arm klopft und sagt ich muss schnell aufwachen. In vollkommener Schlaftrunkenheit nehme ich überrascht ein betäubendes Motorengeräusch wahr und schaue aus dem Fliegengitter heraus. Es ist morgens 04:30 Uhr …. da fährt ein Mann mit blauem Porzellanhelm auf dem Kopf und seinem weissen alten Motorrad mit Beiwagen in gefühlter Schrittgeschwindigkeit an unserem Zelt vorbei. Nicht zu fassen.
Ich denke mir „der wird’s schon wissen„.

Eine gefühlte halbe Stunde später hören wir wieder den selben Motorlärm. Dieses mal knattert der Mann zurück an uns vorbei. Ich schaue heraus und sehe, dass sein Beiwagen mit Wiesengras vollgestopft ist. Wiesengras scheint in diesem großen Land solch‘ Mangelware zu sein, dass man morgens vor dem Aufgang der Sonne mit einem motorisierten Vehikel in Russlands entlegenste Gebiete fahren muss.
это руссиа – das ist Russland !

Erwähnenswert für den nächsten Tag ist lediglich, dass sich das Landschaftsbild geändert hat. Es wirkt ’sibirischer‘. Mehr Sumpfwälder, mehr Wiesen, weniger Äcker, unberührte Natur. Die Tage zuvor und auch heute sieht man von weitem Rauchsäulen aufsteigen. Ab und zu fährt man an einer brennenden Wiese vorbei oder ein kleiner Birkenwald der gerade brennt. Es fährt sich gut, wir haben seit langem richtigen Rückenwind. In einem Straßencafe darf ich auf der Weltkarte ein Fähnchen bei „Rostock“ reinstecken. Laut Karte sind wir die zweiten Deutschen die hier waren.
Den Tag darauf fahren wir nach Omsk hinein und auch wieder heraus. Omsk hat nicht wirklich viel, was einen dort hält. Es ist eine große Stadt. Schon aus der Ferne glotzen einem die großen Fabrik- und Kraftwerkschornsteine entgegen. In einem megagroßen Supermarkt, wie wir ihn in Deutschland noch nie geseheh haben, so groß war das Ding, gingen wir einkaufen. Die Leute werfen uns seltsame Blicke zu. Ein Blick auf unsere Klamotten erklärt alles. Wir sind absolut verdreckt. 😎 Wenn wir nach Hause kommen, machen wir vielleicht einen kleinen Wettkampf, wer unsere Oberteile weiss waschen kann.

Etwa 10 km außerhalb von Omsk suchen wir in einer kleinen Ortschaft Unterschlupf, möglichst mit Dusche. Wir sehen zum ersten Mal in unseren Leben wie man mit einer Gans spazieren geht. Eine Frau geht von uns, 2 Hunde und eine Gans führt sie dabei aus. Die Ganz pariert.
Es ist schon spät, wenig Menschen vor ihren Häusern, irgendwo lugt ein Glatzkopf hervor, den fragen wir. Volltreffer, wir werden ins Haus eingeladen. Kriegen nochmal reichlich was zu essen. Maxim ist 27 Jahre alt, wohnt mit seiner Frau und Sohn zusammen. Nebenan wohnt der Schwager, der sich auch mit seinen Kindern hier herumtreibt und zwei weitere Frauen. So ganz habe ich die Familienverhältnisse nicht verstanden. Es ist ein ultimativer Genuss sich duschen zu dürfen. Das Duschwasser hat zu Beginn die Farbe Schwarz. Jeder kriegt ein Zimmer. Alex darf im Ehebett schlafen, ich bekomme das Kinderzimmer. Hier ist es der Hamster mit Knopfaugen der mich beim Einschlafen behindert. Sowie ich das Licht ausknippse, kommt er aus seinem Holzhaus hervor, fängt an mit Nüssen rumzuknacken oder die Sägespähne zu durchwühlen. Wir konnten uns ausschlafen und auch mein Durchfall war nun endlich weg.

Alex hatte die letzten 4 Tage kein Problem mehr gehabt, doch an diesem Tag ging es bei ihm wieder los. Sodass wir an einem LKW-Rastplatz wo wir hielten nicht mehr wegkamen. Bauchschmerzen und Durchfall damit plagte er sich herum. Alex lag drinnen auf einer Lehne und Trank Tee sowie Cola, und döste vor sich hin. Ich ging raus, in der Hoffnung einen LKW Fahrer zu finden, der uns mitnimmt gen Novosibirsk, im Idealfall bis nach Novosibirsk. Ich spreche einen Tisch mit drei Personen an. Man bietet mir einen Stuhl an. Schnell haben die Trucker unsere Problemlage verstanden und meinten, das sei kein Problem ich könne bei „dem da“ mitfahren. Ich schaute mir den LKW an. Das war ein großer klobiger oranger Kamaz-LKW, die Räder fast so hoch wie ein Kleinwagen,russischer geht es nicht. Die Ladefläche war ein Busabteil für Bauarbeiter. Darin hatten wir genug Platz für uns und die Räder. Da hätten locker noch 10 andere Radfahrer reingepasst. Perfekt.
Mit diesem Teil würden wir also 8 Stunden am kommenden Tag mitfahren. Zurück zum Tisch der LKW-Fahrer. Einer kauft eine Flasche Vodka, sowie Fischbrötchen.

Alex ist mittlerweile auch aufgestanden und hat sich dazugesellt, trinken wir ein paar Gläser. Die Runde ist auch um zwei weitere Trucker angewachsen. Alex soll lieber Salz essen und Vodka trinken und die Cola wegstellen, meint Michai, der in seinem Karrierthemd neben uns sitzt. Ja man hat uns quasi in ihre Runde mit aufgenommen. Wir sind akzeptiert. Sie bilden alle eine LKW-Kolonne von vier oder fünf Fahrzeugen und befördern Erdölborvorrichtungen, ein LKW war nur mit Bohrgestängen beladen, der andere mit Ansaugpumpen. Wir finden das überaus lustig bei diesem Erdölbohrtrupp mitfahren zu dürfen. Am nächsten Morgen verabreden wir uns zu 8 Uhr vor dem LKW. Wir zelten neben dem Rastplatz. Morgens beim Zeltabbauen bermerkt Alexs gute Nase, dass die feuchte Stelle an der Zeltwand kein Wasser, sondern Urin ist. Es war wirklich Urin. Irgendein Tier hat uns gegen das Zelt gepinkelt. Vielleicht war es Bamby.
Es geht los.

Nach mehreren Startversuchen rattert die Maschine und wir fahren vom Rastplatz auf die unendlich gerade Straße gen Novosibirsk. 550 km vor uns. Nach 10 Minuten LKW-Fahrt bereue ich es, gefrühstückt zu haben. Wir werden so durchgerüttelt, dass es langsam schmerzt, wenn der Mageninhalt hin und her schwabbt. An Schlafen ist nicht zu denken. Nach ein paar Stunden kurze Rast. Wir pinkeln alle gegen die Reifen. Das macht man hier wohl so in Truckerkreisen. Weiterfahrt. Halt am Rastplatz, Mittag essen. 4 Stunden Weiterfahrt bis 17 Uhr. Danach Einchecken in einem Motel für Trucker. Unterwegs, so sei hier angemerkt, beginnt es draußen nebelig zu werden. Dieser Nebel verdichtet sich immer weiter, je näher wir Novosibirsk kommen. Es ist Rauch. Nördlich von Novosibirsk brennen momentan riesige Waldgebiete die quasi alles einräuchern. Es ist unbeschreiblich, wenn man so einen Dunst noch nie gesehen hat. Nächsten Morgen nimmt man uns noch ein Stück weit mit und lässt uns ca. 40 km vor Novosibirsk raus. Die Bohrtruppe nimmt einen anderen Weg weiter. Während wir so unsere Räder auf dem Rastplatz wieder mit unserem Gepäck beladen, fahren dann einzelnd die Lkws an uns vorbei, hupen nochmal kräftig, sodass ganz Russland aufwacht und winken – wir winken zurück. Tolle Jungs !

Es ist der 25.07.2012 und wir erreichen Novosibirsk.

Liebe Grüße an Familie, Freunde und Heimat sowie allen Mitlesenden !

Alex und Arne

 
 
 

Ein Kommentar zu “Von Kazan nach Novosibirsk – Teil I”

  1. Mike
    29. Juli 2012 um 15:13

    Stark Arne! Das liest sich wiedermal echt Klasse. Haltet durch und noch viel Spaß euch beiden. lg

    PS: Alex hat also mit seiner Visakarte ne Tafel Schokolade und Waffeln gekauft, ja… Na das hätte es früher nicht gegeben!